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Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck
Fast genau hundert Jahre liegen zwischen Margaret Kennedys „Falscher Glanz“ und unserer Gegenwart, denn der Roman erschien ursprünglich 1927, ist aber nun in einer aktuellen deutschen Neuübersetzung und Neuauflage bei Schöffling & Co. wiederentdeckt worden. Die deutsche Ausgabe erschien 2025 in der Übersetzung von Maria Sander – gerade diese Wiederentdeckung finde ich bemerkenswert: Ein beinahe hundert Jahre alter Roman wird neu aufgelegt – und er liest sich keineswegs wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit!
Im Mittelpunkt stehen die Zwillinge Emily und William Crowne, deren Vater Norman Crowne, ein erfolgreicher Schriftsteller, des Mordes angeklagt wird. Obwohl er freigesprochen wird, bleibt der Skandal an ihm und später auch an seinen Kindern haften – und so erben Emily und William nicht nur ein beträchtliches Vermögen, sondern auch einen Namen, der mit einem öffentlichen Skandal verbunden ist. Besonders eindrücklich fand ich die Vorstellung, dass die Kinder für etwas mitverantwortlich gemacht werden, das sie selbst überhaupt nicht verschuldet haben. Was Margaret Kennedy vor fast hundert Jahren beschreibt, erinnert erstaunlich stark an unsere Gegenwart: an öffentliche Empörung, mediale Aufmerksamkeit und daran, wie lange ein einmal entstandenes Bild eines Menschen nachwirken kann.
Genau hier liegt für mich eine der großen Stärken von „Falscher Glanz“, denn die Autorin erzählt zwar von einer Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts, aber sie schreibt über Fragen, die uns bis heute beschäftigen: Wie sehr prägt die Familie einen Menschen? Kann man sich von seiner Herkunft lösen? Wie frei sind wir wirklich darin, unser Leben selbst zu bestimmen? Und was passiert, wenn die Erwartungen der Gesellschaft mit den eigenen Vorstellungen vom Glück kollidieren?
Besonders modern wirkt der Roman für mich beim Thema alternative Lebensformen: William versucht, im Haus seines Onkels eine Art Kommune aufzubauen. Menschen wollen gemeinsam leben, kreativ sein und sich von den traditionellen Vorstellungen der bürgerlichen Kleinfamilie lösen. Das klingt beinahe wie eine Debatte aus dem 21. Jahrhundert: Wie wollen wir zusammenleben? Muss das klassische Familienmodell für alle funktionieren? Wie viel Individualität verträgt eine Gemeinschaft? Margaret Kennedy zeigt allerdings auch die Schwierigkeiten eines solchen Experiments, denn Ideale allein reichen nicht aus, wenn Geld fehlt, Menschen unterschiedliche Interessen haben und persönliche Konflikte nicht verschwinden – und gerade dadurch wirkt die Geschichte heute so vertraut.
Auch Kennedys Beschäftigung mit dem Verhältnis zwischen Frauen und Männern ist erstaunlich aktuell, denn ihre weiblichen Figuren haben eigene Wünsche und Ambitionen, wollen sie doch schreiben, lieben, unabhängig sein oder sich aus unglücklichen Ehen befreien. Gleichzeitig stoßen sie jedoch immer wieder auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Grenzen … Für mich ist interessant, dass Margaret Kennedy diese Frauen nicht einfach als Opfer darstellt, denn sie können widersprüchlich, eigensinnig, klug und manchmal sogar manipulativ sein, und dadurch wirken sie nicht wie Figuren aus einem historischen Roman, sondern wie Menschen, die auch heute neben uns leben könnten!
Überhaupt hat mich überrascht, wie modern Margaret Kennedy ihre Figuren zeichnet, denn fast alle sind auf der Suche nach einem besseren Leben und probieren unterschiedliche Modelle aus: Ehe, Familie, Kunst, finanzielle Sicherheit oder gemeinschaftliches Zusammenleben, doch kaum einer findet das erhoffte Glück. Gerade diese Suche nach dem „richtigen“ Leben verbindet den Roman mit unserer Gegenwart: Auch heute gibt es unzählige Vorstellungen davon, wie ein erfülltes Leben aussehen sollte – und trotzdem bleibt die Frage offen, ob diese Vorstellungen tatsächlich glücklich machen?
Dass „Falscher Glanz“ jetzt, fast hundert Jahre nach seinem ersten Erscheinen, neu aufgelegt wird, erscheint mir deshalb geradezu folgerichtig und die Neuauflage macht einen vergessenen Roman wieder zugänglich, dessen Themen plötzlich wieder sehr nah an unserer Zeit liegen. Stilistisch hat mir gerade diese Vielschichtigkeit gefallen, denn sie lässt eine ganze Gesellschaft entstehen und zeigt, wie unterschiedlich Menschen auf dieselben gesellschaftlichen Zwänge reagieren. Am Ende bleibt für mich vor allem ein Gefühl der Melancholie – aber auch eine gewisse Gelassenheit: Die Menschen scheitern an ihren Beziehungen, ihren Erwartungen und ihren Lebensentwürfen. Und währenddessen fällt draußen der englische Regen, der Wind weht und die Welt dreht sich weiter …
Genau das macht „Falscher Glanz“ für mich zu einer besonderen Lektüre: Ein Roman von 1927, der durch eine Neuauflage im Jahr 2025 beinahe wieder zu einer Neuerscheinung geworden ist – und dabei zeigt, dass sich die Gesellschaft zwar verändert, die großen Fragen nach Liebe, Freiheit, Familie, Selbstbestimmung und dem guten Leben aber erstaunlich wenig verändert haben. Fast hundert Jahre später wirkt Margaret Kennedys Roman deshalb nicht alt, sondern überraschend gegenwärtig!
Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck
Han Kangs „Unmöglicher Abschied“ – nun endlich auch als Taschenbuch erhältlich! – ist ein Roman, der sich nicht lesen lässt wie eine lineare Erzählung, sondern wie ein langsam anschwellender Schneefall: lautlos zuerst, beinahe unbemerkt, und doch legt sich jede Flocke auf etwas bereits Vorhandenes, bis schließlich alles unter einer stillen, leuchtenden Schicht aus Erinnerung, Schmerz und Schönheit verschwindet – oder neu sichtbar wird.
Im Zentrum stehen zwei Frauen, Gyeongha und Inseon, deren Freundschaft weniger durch gemeinsame Biografie als durch eine Art stilles Einverständnis verbunden ist: die Bereitschaft, sich den dunklen Zonen der Welt auszusetzen, ohne sich von ihnen abwenden zu können. Was als fast beiläufige Bitte beginnt – die Freundin im Krankenhaus bittet Gyeongha, auf der Insel Jeju einen Vogel zu füttern –, entfaltet sich zu einer Reise, die weniger geografisch als existentiell ist, denn Jeju ist kein Ziel im klassischen Sinn, sondern ein Verdichtungsraum: aus Wetter, Erinnerung, Geschichte und Geistern.
Schon der Weg dorthin trägt die Signatur einer anderen Wirklichkeit, die die Nobelpreisträgerin Han Kang wunderbar einfängt: Ein Schneesturm, der die Orientierung verschluckt, macht aus der Landschaft ein weißes, atmendes Nichts, in dem jede Bewegung zugleich Annäherung und Verlust ist. Und genau hier beginnt Han Kangs eigentliche Erzählbewegung: Sie schreibt nicht über das Ankommen, sondern über das Verschwinden von Gewissheiten; so wird nämlich die Grenze zwischen Traum und Wachsein, zwischen Körper und Erinnerung, zwischen Gegenwart und Geschichte durchlässig, fast porös …
Je länger man liest, desto stärker verschiebt sich das Zentrum des Romans weg von der Gegenwartshandlung hin zu einem historischen Untergrund, der lange verschüttet war: das Massaker auf Jeju Ende der 1940er Jahre. Dieses Ereignis, das zehntausende Opfer forderte und über Jahrzehnte tabuisiert wurde, tritt im Roman nicht als dokumentarische Rekonstruktion auf, sondern als Nachhall – als etwas, das in Körpern, Bildern und Sprachfragmenten weiterlebt, wobei sich Han Kang diesem Trauma nicht direkt nähert, sondern in Brechungen: über Stimmen, über Träume, über das, was im Schnee sichtbar wird und zugleich verschwindet.
Besonders eindringlich ist für mich dabei die konsequente Metaphorik des Schnees, denn er ist nicht bloß Atmosphäre, sondern eine Art Erkenntnisform: Schnee verdeckt und legt frei zugleich, er konserviert und löscht aus, er macht die Welt still und zwingt sie doch zur Offenbarung; – in ihm spiegelt sich die Grundbewegung des Romans: das gleichzeitige Erinnern und Verdrängen, das Sich-Nähern und das Nicht-ertragen-Können dessen, was sich zeigt. Und dabei drängte sich mir ein faszinierender Gedanke auf: Wenn Schneeflocken auf Körper fallen, unterscheiden sie zwischen Leben und Tod, zwischen Wärme und Kälte, zwischen dem, was noch antwortet, und dem, was bereits verstummt ist … Und auch die Figuren selbst scheinen zunehmend in diesen Zustand der Zwischenexistenz zu geraten, denn Gyeongha, die sich im Schneesturm durch die Insel kämpft, wird mehr und mehr zu einer Figur an der Schwelle: zwischen Handlung und Halluzination, zwischen Auftrag und innerer Auflösung. Inseon wiederum bleibt trotz Abwesenheit präsent, als Stimme, als Körperfragment, als Erinnerung, die sich nicht auflösen lässt. Ja, selbst der kleine Vogel, um den sich die scheinbar einfache Aufgabe dreht, wird zum Symbol fragiler Lebendigkeit – etwas, das gepflegt werden muss, damit es nicht verschwindet, und das doch jederzeit verschwinden kann. Was also diesen Roman so eigentümlich stark macht, ist die Spannung zwischen seiner poetischen Überfülle und seinem historischen Ernst, schreibt doch Han Kang in Bildern von fast schmerzender Schönheit: Schneefelder, die wie Gräber wirken; Bäume, die zu stummen Zeugen erstarrt sind; Körper, die sich an die Grenze ihrer Belastbarkeit begeben. Dennoch: diese Sprache ist nicht schmückend im herkömmlichen Sinn, sondern insistierend – sie zwingt dazu, hinzusehen, auch dort, wo das Sehen weh tut!
Gleichzeitig bleibt immer die Frage, wie viel Nähe zur Vergangenheit überhaupt möglich ist, denn der Roman verweigert sich einer klaren Auflösung, ebenso wie er sich einer eindeutigen Trennung von Realität und Imagination entzieht. Vielleicht ist genau das seine eigentliche Bewegung: dass Erinnerung nicht als Archiv erscheint, sondern als Zustand, der sich ständig neu formt, verschiebt, entzieht.
Am Ende bleibt weniger eine Handlung als eine Erfahrung; so erzählt „Unmöglicher Abschied“ nicht davon, wie man Vergangenes bewältigt, sondern davon, wie es sich in die Gegenwart einschreibt – leise, unaufhörlich, oft unerkannt. Und vielleicht liegt gerade darin seine Kraft: dass er keine beruhigende Distanz herstellt, sondern eine irritierende Nähe zulässt. Es ist ein Buch, das sich nicht abschließt, sondern nachwirkt – wie Kälte, die noch lange im Körper bleibt, nachdem der Schnee schon aufgehört hat zu fallen. Eine unbedingt empfehlenswerte Lektüre!
Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck
Was wäre, wenn der Tod tatsächlich nur ein technisches Problem wäre? Wenn wir unser Gehirn mitsamt Erinnerungen, Persönlichkeit und Bewusstsein in einen Computer übertragen könnten? Andreas Eschbach macht aus diesem Gedankenexperiment in seinem Roman „Die Abschaffung des Todes“ einen spannenden Thriller – und zugleich eine philosophische Reise zu einer Frage, die näher an uns liegt, als uns lieb sein kann: Was macht einen Menschen eigentlich aus?
Im Mittelpunkt steht der Journalist James Henry Windover, Herausgeber einer außergewöhnlichen Zeitung: „The Windover View“ hat gerade einmal 49 Abonnenten, die jeweils eine Million Euro im Jahr bezahlen, doch dafür erhalten sie etwas, das im heutigen Medienbetrieb fast utopisch erscheint: nüchterne Fakten, sorgfältig recherchiert und ohne Sensationslust, Meinungsmache oder Unterhaltung. Windover versteht Journalismus als Suche nach Wahrheit – und genau deshalb wird er zum richtigen Mann für einen ungewöhnlichen Auftrag und so schickt die britische Milliardärin Anahit Kevorkian ihn ins Silicon Valley. Dort soll er herausfinden, was hinter dem Unternehmen Youvatar steckt, denn die Firma verspricht ihren Investoren nichts weniger als die Überwindung des Todes; die Wissenschaftler arbeiten nämlich daran, das menschliche Gehirn digital nachzubilden und schließlich das Bewusstsein auf einen Computer zu übertragen – der sterbliche Körper wäre damit nicht mehr notwendig.
Die Idee ist faszinierend und zugleich zutiefst verstörend, denn wenn eine digitale Kopie meines Gehirns entsteht – bin ich dann noch diese Kopie? Oder stirbt mein eigentliches Ich und auf dem Computer beginnt lediglich jemand zu existieren, der sich für mich hält?
Hier liegt für mich die eigentliche Stärke des Romans, denn Andreas Eschbach interessiert sich weniger für technische Zukunftsvisionen als für die philosophischen Abgründe, die dahinter liegen. Was ist Bewusstsein? Wo entsteht dieses geheimnisvolle Ich, das sieht, fühlt, erinnert und liebt? Und lässt sich etwas, das wir selbst kaum verstehen, überhaupt kopieren?
Besonders eindrucksvoll fand ich den Gedanken, dass wir zwar immer genauer erklären können, wie unser Gehirn funktioniert, aber noch immer nicht wissen, wie daraus Erleben entsteht. Wir können beschreiben, wie Licht auf die Netzhaut trifft und elektrische Signale weitergeleitet werden, doch an welchem Punkt wird aus diesen Signalen plötzlich ein Bild? Wo beginnt das bewusste Sehen? Genau an dieser Stelle wird der Roman fast poetisch: Zwischen der technischen Beschreibung des Gehirns und dem Rätsel des Bewusstseins klafft ein Abgrund.
Auch die Rahmenhandlung um Windovers Zeitung hat mich sehr angesprochen, denn darin geht es um die Idee eines Mediums, das nicht gefallen, empören oder unterhalten will, sondern schlicht möglichst präzise informieren möchte; das wirkt angesichts unserer heutigen Informationswelt beinahe wie Science-Fiction. Gleichzeitig ist Windover selbst keineswegs vollkommen objektiv, doch auch er spürt die Verlockung der Unsterblichkeit, und gerade dadurch wird die Figur glaubwürdig: Der Journalist, der Wahrheit sucht, ist zugleich ein Mensch, der eigene Wünsche und Ängste mit sich trägt. So sind die philosophischen Fragen für mich überzeugender als manche Verfolgungsszene, dennoch gelingt es dem Autor, die Spannung immer wieder anzuziehen, denn die Suche nach dem Schriftsteller Raymond Ferdurci, der offenbar eine Geschichte geschrieben hat, die das gesamte Youvatar-Projekt gefährden könnte, führt schließlich in eine gefährliche Jagd durch Europa bis nach Wien.
Was nach der Lektüre bleibt, ist allerdings weniger die Action als ein unangenehmer, faszinierender Gedanke: Vielleicht ist der Tod nicht nur das Ende des Lebens, sondern auch das, was ihm seine Bedeutung gibt? Ein Leben ohne Ende klingt zunächst wie das größte Geschenk, doch wenn nichts unwiederbringlich ist, wird dann überhaupt noch etwas kostbar? Vielleicht brauchen wir die Endlichkeit, damit ein Augenblick Gewicht bekommt, ein Abschied schmerzt und ein Leben nicht bloß aus unendlich vielen Morgen besteht …
Andreas Eschbach beantwortet diese Fragen nicht, sondern lässt sie offen – und gerade deshalb wirken sie nach. Und so ist „Die Abschaffung des Todes“ für mich ein kluger, stellenweise beklemmender Roman über Technik, Macht und unsere Angst vor dem Verschwinden, vor allem aber ist er eine Einladung, über das eigene Ich nachzudenken; – denn vielleicht ist die schwierigste Frage nicht, ob wir den Tod abschaffen können, sondern, ob wir danach noch wüssten, was es bedeutet, zu leben
Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck
Als ich „Rote Sonne“ zu lesen begann, hatte ich zunächst das Gefühl, in eine Welt einzutreten, die mir vertraut und gleichzeitig seltsam entrückt war: Die Hitze, die träge Stadt am Fluss, das grelle Licht – all das erzeugte bei mir von Anfang an eine Unruhe, die ich nicht genau erklären konnte, so wusste ich beim Lesen oft nicht, worauf ich eigentlich wartete; vielleicht auf etwas Bedrohliches, vielleicht nur darauf, dass die scheinbare Ordnung der Figuren einen Riss bekommen würde? Und je weiter ich las, desto stärker hatte ich den Eindruck: Dieser Riss ist längst da!
Wenn die „rote Sonne“ alles in ein anderes Licht taucht, dann verändert sich auch der Blick auf das, was wir für selbstverständlich halten – und genau das geschieht in Johanne Lykke Holms Roman: Die beiden Protagonisten India und Kallas führen ein glückliches, kinderloses Leben, bewusst entschieden und scheinbar vollkommen in sich ruhend, doch während eines Aufenthalts bei Kallas’ Jugendfreundin Desma an der Küste begegnen sie drei Jungen, die allein und ohne erkennbare Eltern unterwegs sind. Was zunächst wie eine kurze Episode wirkt, wird durch einen Waldbrand und die Unentschlossenheit der Behörden zu einem monatelangen Zusammenleben.
Mich hat besonders berührt, wie selbstverständlich India und Kallas nach und nach Verantwortung für die Kinder übernehmen, obwohl sie sich eigentlich gegen ein eigenes Familienleben mit Kindern entschieden haben; und doch finden sie sich plötzlich in einer Situation wieder, die keine Vorbereitung kennt. Gerade darin liegt für mich die große Stärke des Romans: Holm erzählt nicht davon, wie zwei Menschen „Eltern werden“, sondern davon, wie Fürsorge entstehen kann, bevor man sie überhaupt benannt hat. So werden die drei Jungen nicht durch einen Entschluss Teil ihres Lebens, sondern durch Nähe, Alltag und die ganz einfachen Handlungen des Kümmerns.
Dabei bleibt „Rote Sonne“ stets rätselhaft und ich hatte beim Lesen oft das Bedürfnis, die Figuren besser verstehen zu wollen, ihre Vergangenheit zu kennen, ihre Gedanken zu erfahren. Doch das Faszinierende dabei ist, dass die Autorin mir diese Sicherheit verweigert, denn sie beschreibt lieber das Licht, den Wind, Gerüche, Geräusche und Oberflächen, als die Gefühle ihrer Figuren eindeutig auszudeuten. Anfangs empfand ich diese Distanz als ungewohnt; später begann ich gerade sie zu schätzen, denn dadurch entstehen Leerstellen, die man selbst füllen muss – gerade das ist das Spannende beim Lesen!
Besonders eindringlich fand ich die Frage, die sich langsam aus der Geschichte herauslöst: Wem gehören Kinder eigentlich? Ihren Eltern, dem Staat, einer Familie – oder der Gesellschaft als Ganzem? Die drei Jungen sind dabei nicht nur Figuren, sondern werden fast zu einem Prüfstein für die Erwachsenen, weil ich an ihnen zeigt, wie brüchig unsere Vorstellungen von Familie, Verantwortung und Zugehörigkeit sein können.
Trotz der düsteren Ereignisse ist der Roman nicht laut, sondern eine Bedrohung, die eher schleichend kommt: aus den Nachrichten über verschwundene Kinder, aus dem Feuer, aus den Verletzungen der Vergangenheit und aus der Ahnung, dass die scheinbare Normalität jederzeit kippen könnte. Und gerade diese stille Unruhe hat mich beim Lesen nicht mehr losgelassen …
„Rote Sonne“ ist für mich deshalb weniger ein Roman über eine ungewöhnliche Familie als über die Frage, was Menschen einander schulden, wenn niemand sonst da ist. Holm gibt darauf keine einfache Antwort – und das ist vielleicht das Schönste an diesem Buch, denn am Ende bleibt kein eindeutiges Gefühl zurück, sondern etwas Schwierigeres: das Bedürfnis, über die Geschichte weiter nachzudenken. Wie lange gehört ein Mensch zu uns, wenn wir begonnen haben, für ihn zu sorgen? Und was geschieht, wenn wir ihn wieder loslassen müssen? Die „rote Sonne“ geht unter, aber ihr Licht bleibt noch lange auf den Dingen liegen ...
Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck
Arundhati Roy beginnt dort, wo viele Erinnerungen enden: beim Tod der Mutter. Mary Roy ist im September 2022 gestorben, doch mit ihrem Tod ist sie aus dem Leben der Tochter keineswegs verschwunden; im Gegenteil. Sie scheint erst jetzt mit voller Wucht zurückzukehren – in Bildern, Sätzen, Verletzungen und einer Liebe, die sich nie eindeutig benennen lässt. „Meine Zuflucht und mein Sturm“ ist der Versuch, dieser widersprüchlichen Frau noch einmal nahe zu kommen, ohne die Schatten zu verschweigen, die sie hinterlassen hat.
Roy schreibt keine sentimentale Mutter-Tochter-Geschichte, sondern ihr Buch gleicht eher einer vorsichtigen Annäherung an einen Menschen, den man gleichzeitig vermisst und vor dem man sich schützen musste. Mit achtzehn Jahren verließ Arundhati ihre Mutter; nicht, weil sie sie nicht liebte, schreibt sie, sondern weil sie sie weiterhin lieben wollte! Dieser Gedanke ist für mich einer der stärksten des ganzen Buches: Manchmal braucht Liebe Abstand, um überhaupt bestehen zu können …
Gerade diese Widersprüchlichkeit hat mich beim Lesen tief berührt, denn Roy versucht nicht, ihre Mutter nachträglich zu einer Heldin oder zu einem Monster zu machen. Mary Roy war nämlich beides – oder vielleicht keines von beidem? Sie war eine mutige, unbequeme Frau, die sich von ihrem alkoholkranken Mann trennte, ihre Kinder allein großzog, eine Schule gründete und vor dem höchsten indischen Gericht für die Rechte christlicher Frauen kämpfte; eine Frau also, die sich gegen patriarchale Strukturen stellte und anderen Frauen Mut machte. Und dieselbe Frau konnte ihre eigenen Kinder grausam behandeln … Diese Gleichzeitigkeit ist schwer auszuhalten, wobei besonders die Erinnerungen an die Gewalt gegen Arundhatis Bruder eindringlich sind. Während die Mutter ihn schlägt, beobachtet die kleine Arundhati das Geschehen durch das Schlüsselloch, doch später wird sie für ihr gutes Zeugnis gelobt. Und seitdem begleitet sie der Gedanke, dass ihr eigener Erfolg immer auf Kosten eines anderen gehen könnte: Ein Satz, der sich festsetzt wie ein Splitter unter der Haut!
Überhaupt schreibt Roy über ihre Kindheit in Bildern, die lange nachwirken, so beschreibt sie sich als „wildes Kind mit Hornhaut an den Füßen“. Der Fluss wird zur Zuflucht, die Natur wird zu einem Ort, an dem niemand schreit, während die Mutter zu einer Landschaft wird, deren Wetter jederzeit umschlagen kann … Besonders stark finde ich das Bild von Arundhati als „Lunge“ ihrer Mutter: Während Mary Roy unter Asthma leidet, versucht die Tochter für sie zu atmen und wird so zum Organ der Mutter, zu einem Teil ihres Körpers, weshalb in diesem Bild die ganze Tragik ihrer Beziehung steckt: Die Tochter will retten und muss sich dafür selbst verlieren.
Doch Roy schreibt nicht aus Rache und das macht dieses Buch so außergewöhnlich, denn sie urteilt erstaunlich wenig und verzichtet auf einfache psychologische Erklärungen, sondern lässt stattdessen die Widersprüche stehen. Vielleicht ist genau das die ehrlichste Form des Erinnerns?
Im weiteren Verlauf wird das Buch größer, denn aus der Geschichte einer Mutter und einer Tochter wird die Geschichte einer Schriftstellerin, einer politischen Aktivistin und eines Landes. Roy erzählt von ihrem Weg von der Architektur zur Literatur, vom überwältigenden Erfolg von „Der Gott der kleinen Dinge“ bis zu ihrem politischen Engagement gegen Kastenwesen, Hindunationalismus und staatliche Gewalt. Dabei wird deutlich, dass die rebellische Frau, die sie geworden ist, auch ein Erbe ihrer Mutter trägt, denn Mary Roy lehrte sie, frei zu sein – und bekämpfte ihre Freiheit. Sie lehrte sie zu denken – und wütete gegen ihre Gedanken; sie lehrte sie zu schreiben – und konnte die Schriftstellerin, zu der ihre Tochter wurde, nicht ertragen!
Am Ende erreicht Roy eine Nachricht ihrer sterbenden Mutter: Sie habe niemanden auf der Welt so geliebt wie ihre Tochter. Doch dies wirkte auf mich nicht wie ein großes versöhnliches Finale, sondern eher wie ein schmaler Lichtstreifen, der durch eine lange dunkle Geschichte fällt. So habe ich dieses Buch mit dem Gefühl beendet, einer Frau beim Versuch zugesehen zu haben, ihre Mutter nicht zu besiegen, sondern zu verstehen: Vergebung bedeutet hier nicht, das Geschehene ungeschehen zu machen … Vielleicht bedeutet sie nur, die Mutter dort stehen zu lassen, wo sie war: widersprüchlich, verletzend, mutig, groß, klein – und geliebt! „Meine Zuflucht und mein Sturm“ ist für mich deshalb vor allem ein Buch über eine Liebe, die nicht heil werden muss, um wahr zu sein; Roys Mutter ist tot, aber auf diesen Seiten lebt sie weiter – als Sturm, als Zuflucht, als Wunde und als Kraft. Eine wirklich empfehlenswerte Lektüre, die inmitten im „Sturm“ „Zuflucht“ bieten kann!
Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck
Birdie Keller hat noch nie in ihrem Leben eine Pistole abgefeuert, aber bald wird sie es tun. Sie wird den Mann erschießen, der vor achtzehn Jahren ihre jüngere Schwester Providence ermordet hat.
Ab dem Tag, an dem James Maguire aus dem Gefängnis entlassen wird, wird sie sich an seine Fersen heften und sie wird ihn töten.
James Maguire.
Für alle anderen ist er nur ein Name, den die Zeit und neuere Tragödien ins Dunkel gerückt haben, aber für Birdie Keller ist er die Sonne, um die all ihre Planeten kreisen, und sie hat genug davon, „an diesen Mann gebunden zu sein. Mit ihm eingesperrt zu sein. Er hatte zu viel von meinem Leben gehabt, und ich von seinem. Es konnte kein Universum geben, in dem wie beide überlebten.“
In Rückblenden erfahren wir, wie Birdies Leben bis zu diesem Tag verlaufen ist. Als Tochter einer Teenager-Mutter, die von Anfang an von der Bildfläche verschwunden ist, wächst sie bei ihrer Großmutter, genannt Gamma, auf; es ist eine liebevolle und behütete Kindheit. Der glücklichste Tag in Birdies Leben ist der, an dem sie und Gamma auf der Veranda das neugeborene Baby finden, Birdies Schwester. Auch dieses Mal ist Mary, die Mutter der beiden Mädchen, nicht in der Lage, sich um ihr Kind zu kümmern.
Birdie liebt ihre kleine Schwester Providence vom ersten Moment an und verschreibt sich ganz und gar ihrer Fürsorge.
Der schlimmste Tag in ihrem Leben ist der, an dem ihr Providence wieder genommen wird, und seitdem sinnt sie auf Rache.
Ebenfalls in Rückblenden erfahren wir von der engen Freundschaft, die Providence einst mit James Maguire, genannt Jimmy, verbunden hat. Für sie war er „der Goldjunge“, wegen seiner blonden Haare und weil er die Sonne in sich hat. Providence ist die Einzige, die das Gute sieht in Jimmy, der aus einer sozial benachteiligten Familie kommt und das ungeliebte Kind eines alkoholabhängigen Vaters und einer psychisch kranken Mutter ist – der, genau wie seine älteren Brüder, eines Tages auf die schiefen Bahn geraten wird, da sind sich alle in der kleinen Stadt sicher. Denn die Maguires machen nichts als Ärger.
Diese Teile und James‘ Tagebuchaufzeichnungen aus dem Gefängnis sind die stärksten der Geschichte. Seine Erinnerungen an Providence und an seinen einzigen Freund Floyd, dessen Abneigung gegen Providence auf Gegenseitigkeit beruhte, ließen mich beim Lesen immer wieder an James‘ Schuld zweifeln.
„Ich nehm dir weg, was du liebst“ – das hat James damals zu Birdie gesagt, und wir erfahren, wie eine böse Tat eine andere böse Tat nach sich zieht und was (unerwiderte) Liebe und falscher Stolz anrichten können.
Ich habe erst ganz am Schluss, viel zu spät, den Clou der Geschichte verstanden, und das war ein Aha-Effekt, wie ich ihn selten bei einem Buch erlebt habe.
Und wenn Birdie James auf dem großen Feld endlich gegenübersteht, mit der Pistole in der Hand, dann ist das ein Ende, das richtig ist und gut.
Mir hat dieses Ende echt kurz den Boden unter der Füßen weggezogen.
Spannend, bedrückend, düster – und unglaublich berührend und toll! Unbedingt lesen!
Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck
Rein rechnerisch geht es sich leider nicht aus. Wenn „Harry und Sally“ 1989 endlich, nach all dem jahrelangen Hin und Her, ein Paar und dann sehr schnell Eltern werden, reicht die Zeit trotzdem nicht, dass wir jetzt in Daisy und James ihren Enkeln begegnen.
Dabei wäre das so schön, denn die Geschichte wiederholt sich irgendwie mit dem ewigen „sie kann ihn nicht ausstehen“, „er ist ein frauenfeindlicher Arxxx“, „sie mag ihn doch“, „er hat eine andere“ usw. usw.
Daisy ist Mitte zwanzig und von so einigen One-Night-Stands mal abgesehen, hatte sie noch nie eine richtige Beziehung.
Auch wenn sie Mitleid hat mit der Frau, die immer noch denkt, dass sie am Ende den Mann abkriegt, den sie schon seit Jahren so toll findet, weiß sie im Grunde ihres Herzens, dass diese Chance niemals kommen wird. Denn diese Frau ist sie selbst, und Fin, den sie so toll findet und den sie insgeheim liebt, macht das doch schon immer so: Er hält sie sich warm und erzählt den ganzen Scheiß von wegen, wie sehr er sie mag, aber dass er im Moment nicht bereit ist für eine Beziehung, nur um einen Monat später mit einer neuen Freundin anzukommen.
Damit soll jetzt Schluss sein, ein anderer Mann soll her – und zwar ein besserer! Aber woher nehmen, wo es doch da draußen genau EINEN anständigen Singletypen gibt, auf den dann rund vierzig umwerfende Frauen kommen?!
Es gibt nur eine Lösung: Daisy und ihr Freundin Maya müssen das Problem selber in die Hand nehmen. „Ehrenamtlich. Um Frauen mehr Optionen für eine erfüllende romantische Partnerschaft zu bieten und Männern zu einer gesünderen Männlichkeit zu verhelfen.“
Das Projekt soll an James getestet werden, von dem Daisy absolut nichts will, obwohl sie sich ganz gut verstehen. Und auch wenn sie und Maya ihn hinkriegen und am Ende ein guter Typ aus ihm würde, hätten sie am Ende immer noch nichts gemeinsam. Denn James ist vollkommen unkritisch, überhaupt kein tiefsinniger Gesprächspartner, und auch wenn die beiden Frauen ihn besser machen können, können sie ihn ja nicht zu einem komplett anderen Menschen machen.
Oder vielleicht doch???
Kann aus James vielleicht doch brauchbares „Boyfriend Material“ werden?
Dafür müssen Daisy und Maya immerhin sechsundzwanzig Jahre Fehlkonditionierung rückgängig machen!
Was folgt, ist eine Geschichte, die mich ein wenig an die großartige Serie „Machos alfa“ erinnert hat, in der vier Freunde ihre Männlichkeit „dekonstruieren“, um zu besseren Partnern zu werden.
Was mich bei den vier Männern ausgezeichnet unterhalten hat, fand ich im Fall von Daisy und James teilweise ein bisschen schwierig.
Mein Eindruck war, dass ich für diese Art von Beziehungsunsicherheiten und -krisen wahrscheinlich einfach schon zu alt bin. Ich bin wohl doch eher Generation „Harry und Sally“.
Dass die Geschichte von Daisy und James auch ausgerechnet an einem Silvesterabend endet (so wie bei ihren „Fast-Großeltern“) – oder anfängt, wie man’s halt nimmt – kann ich auch nur deswegen okay finden, weil sie mit einem netten Insider zwischen den beiden endet, der doch ein bisschen anrührend ist.
Eine Frage hätte ich zum Schluss noch an die Person, die das Cover abgesegnet hat. Wer soll die brünette Frau sein? Daisy ist doch blond.
Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck
„Du musst dich in Acht nehmen, Hanne. Schwierig warst du immer schon.“
Aaaaahhh!
Die letzten Sätze in meinem Buchtipp zu Anne Holts Roman „Zwölf ungezähmte Pferde“ waren folgende: „Zum Schluss stellt sich natürlich die Frage: Ist der mitten im Roman versteckte Satz „Hanne Wilhelmsens Ära war zu Ende“ ein Hinweis darauf, dass wir hier den letzten Band mit Hanne in den Händen halten?“
Als hätte ich es herbeigeredet… mit dem neuen Buch „Diamanten und Rost“ liegt nun tatsächlich, wirklich und wahrhaftig der letzte Krimi mit Hanne Wilhelmsen vor.
Damit geht wirklich eine Ära zu Ende, auch für mich, denn ich habe Hannes ersten Fall („Blinde Göttin“) 1995 gelesen und in Folge jeden weiteren, und so hat sie mich den größten Teil meines erwachsenen Lebens begleitet.
Auch in ihrem letzten, wie immer sehr, sehr spannenden Fall macht Hanne es mir nicht leicht.
Nach der schweren Krise aus Band 12 befindet sie sich nun in der Sommerfrische, gemeinsam mit ihrer Frau Nefis und der Tochter Ida sowie Ebba Braut, „ihre vertrauteste Hausfreundin, nachdem ihr Vorgänger ermordet worden war.“
Dieser lapidare Hinweis auf den armen Henrik Holme hat mich schon gleich fuchsteufelswild gemacht, denn konnte Hanne schon zu seinen Lebzeiten nicht zugeben, wie wichtig ihr der junge Mann war, kann sie nach seinem schrecklichen Tod erst recht nicht über ihre Gefühle sprechen.
Hanne befindet sich also im neu gekauften Sommerhaus an der norwegischen Küste, es ist für alle ein wahres Idyll – für alle außer Hanne, natürlich!
„Vier Wochen mit Gästen und Festen, mit Lärm und Unruhe und Belästigungen… Vier Scheißwochen, und es waren erst zwei Tage vorbei.“
Da verwundert es doch sehr, dass ausgerechnet die menschenscheue, meist übellaunige Hanne von sich aus (!) Kontakt zu ihrer Nachbarin sucht, nachdem sich herausgestellt hat, dass diese niemand anderes ist als die bekannte, aber sehr zurückgezogen lebende Krimiautorin Kristine Hoff.
Hanne hat Kristine Hoffs Bücher nicht nur in den Neunzigerjahren gelesen, sondern überhaupt jedes seit ihrem Debüt 1993 verschlungen – das ist natürlich großartig, denn Anne Holts erster Roman mit Hanne ist im Original ebenfalls 1993 erschienen – und nachdem sie dreißig Jahre lang Material über die bekannte Autorin gesammelt hat, ist sich Hanne in einem Punkt sicher: Sie und Kristine Hoff werden sich wahrscheinlich gut verstehen.
Viel zu spät wird klar, dass Hanne, die so raffiniert manipulativ sein kann, die Weltmeisterin darin ist, ein Gespräch zu lenken und hier und da kleine Abschweifungen einzubringen, wenn sie merkt, dass jemand das Gespräch in eine Richtung führt, die ihr nicht gedient ist – viel zu spät wird klar, dass sie in Kristine Hoff ihre Meisterin gefunden hat.
Für die Zeilen aus dem Song „Diamonds and Rust“ von Joan Baez, die dem Roman vorangestellt sind, gibt es so manche Interpretation.
„We both know what memories can bring. They bring diamonds and rust.”
Ich interpretiere es für mich mal so:
Obwohl es mit uns immer schwierig war und du es mir nie leicht gemacht hast, dich zu mögen, konnte ich keiner deiner Geschichten widerstehen. Trotz deiner unmöglichen, schroffen Art habe ich mich jedes Mal gefreut, wenn ich dich in einem Roman wiedergetroffen habe.
Dass das jetzt das letzte Mal gewesen sein soll, dass unsere gemeinsame Geschichte jetzt so endet, ist ein echter Schlag für mich.
Mach’s gut, Hanne!
Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck
„Meine Familie hat ein Talent für Verrücktheit.“
Erzählt wird uns diese Geschichte von Leon; eigentlich soll er Noel heißen, Weihnachten, aber das lässt der Bürgermeister nicht durchgehen, denn das sei kein richtiger Name. Also drehen seine Eltern den Namen einfach um.
Die erste Person, von der er denkt, sie sei verrückt, ist seine Deutschlehrerin. Sie trägt mit der Schere abgeschnittene Krawatten, damit sie ihr nicht in die Suppe hängen, dabei isst sie nie Suppe, sondern nur Döner.
Das klingt eher skurril als verrückt, nicht nur für den Leser, sondern auch für Leon. Aber wie selbstverständlich wächst er damit auf, dass sich in seiner Familie die „Verrücktheiten“ häufen, und als in der Schule die Vererbungslehre durchgenommen wird, macht er eine erste Hochrechnung, was auf ihn zukommen könnte, was auf ihn zukommen wird.
Die Großmutter: bipolar und psychotisch, diverse Suizidversuche.
Der Großvater: schizophren.
Die Mutter: schwere Alkoholabhängigkeit, diverse Entzugsversuche, alle gescheitert.
Der Vater: schwere Depressionen.
Im Schnitt wird jedes zweite Kind von Eltern mit psychischen Erkrankungen selbst psychisch auffällig. In wessen Fußstapfen soll Leon treten?
Die Neurologin, die er als junger Mann wegen eines MRT aufsucht, hält ihn auch ohne dieses für verrückt; die Psychiaterin nennt ihn einen Hypochonder.
Und Leon landet tatsächlich in der Psychiatrie, aber: „Es ist unspektakulär. Keine Polizei, kein Krankenwagen, keine abgeschnittenen Krawatten. Ich nehme einfach den Bus.“
Denn Leon wird Psychologe, und während er versucht, seine Patienten besser zu verstehen, versucht er auch, seine Familie besser zu verstehen.
„Botanik des Wahnsinns“ ist kein ganz einfaches Buch, bei dem ich mich mitunter gefragt habe: Was lese ich hier eigentlich? Einen (autofiktionalen?) Roman oder ein in eine Geschichte verpacktes Sachbuch?
Die Geschichte springt zwischen der Gegenwart des Erzählers und seinen Erinnerungen an früher, auch an noch frühere Generationen, die er gar nicht kannte, hin und her, und sehr geschickt werden nicht nur medizinische Fakten und Zahlen rund um das Thema psychische Erkrankungen in die Handlung eingebaut, sondern auch philosophische, biologische, geschichtliche und etymologische Betrachtungen.
All diese Zitate von Freud, Linné, Schopenhauer usw. findet man im Anhang, zusammengefasst als die Gedanken des Nachbarn, dessen Selbstgespräche Leon durch die dünnen Wände hören kann und die er in einem Notizbuch zusammenfasst. Ganz wunderbar gemacht!
Auch wenn, wie bereits erwähnt, die Lektüre dieses Romans nicht immer ganz einfach und nicht unbedingt erheiternd ist – wobei es schon jede Menge sehr trockenen Humor gibt! – gibt es von mir eine klare Leseempfehlung.
Denn „die Psychiatrie ist kein Ort für gesellschaftliche Fragen. Die Psychiatrie ist alles Mögliche, aber kein Ort für einfache Antworten.“
Und was sind eigentlich Symptome? Sind sie irrationale oder nur nervige Aspekte der Psyche eines Menschen und seines Denkens und Verhaltens? Sind sie Fehler, die es zu eliminieren gilt? Oder sind sie grundlegende Bestandteile einer Identität?
„Man kann sich in den Schmerz eingraben wie in einen Bergstollen. Aber ich könnte auch etwas anderes tun. Ich könnte sagen: Es ist nicht leicht, nicht hell, nicht schön, aber es ist in Ordnung. Wir nennen das das Leben.“
Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck
„No way home ….“: Alles beginnt mit Müdigkeit, denn Terry, Assistenzarzt in Los Angeles, hat Dienst, als seine Mutter stirbt; er ist unausgeschlafen, trinkt unterwegs einen lauwarmen Latte und funktioniert weiter, wie Menschen funktionieren, die sich daran gewöhnt haben, dass Erschöpfung kein Grund ist, stehen zu bleiben. Dann fährt er vier Stunden in die Wüste nach Boulder City, Nevada, um sich um das Haus seiner Mutter zu kümmern. Eigentlich will er es verkaufen und zurück nach Los Angeles – und eigentlich will er überhaupt nicht dort sein! Aber bei T. C. Boyle sind die Dinge selten so einfach … In Boulder City begegnet Terry nämlich Bethany, die gerade ihre Beziehung zu Jesse beendet hat und zunächst einmal irgendwo unterkommen muss. Sie zieht schließlich bei Terry ein, doch plötzlich ist Jesse wieder da: Lehrer, Rockmusiker, Möchte-gern-Autor, eifersüchtiger Exfreund und ein Mann, der seine Niederlagen mit erstaunlicher Hartnäckigkeit vor sich herträgt. „Sie ist Gift“, warnt er Terry, aber natürlich glaubt Terry ihm nicht.
Ich habe beim Lesen oft gedacht, dass der meisterhafte T. C. Boyle seine Figuren nicht eigentlich zusammenführt, sondern aufeinander loslässt! Sie brauchen einander, aber sie können einander nichts geben, ohne zugleich etwas zu verlangen; und so wird Nähe schnell zu Besitz, Zuneigung zu Kontrolle, Sehnsucht zu Drohung. Und je länger man ihnen folgt, desto weniger weiß man, wem man eigentlich glauben soll. Gerade diese Ambivalenz hat mich in den Bann gezogen, was auch an der Konstruktion des Romans liegt, denn Boyle erzählt abwechselnd aus den Perspektiven von Terry, Bethany und Jesse. Ein und dieselbe Szene bekommt dadurch einen anderen Schatten, je nachdem, wer sie betrachtet: Was Terry für Vernunft hält, kann bei Jesse wie Arroganz wirken. Was Jesse als Leidenschaft empfindet, erscheint aus Terrys Sicht als Gefahr. Bethany wiederum bleibt zwischen diesen Wahrheiten und entzieht sich ihnen immer wieder. Diese wechselnden Blicke haben mir besonders gefallen, denn jeder lebt in seiner eigenen Version der Geschichte: Niemand hält sich selbst für den Bösewicht! Auch verletzende Handlungen beginnen im Inneren oft mit einem Bedürfnis, das zunächst beinahe harmlos klingt: Bleib bei mir … Sieh mich … Verlass mich nicht …
T. C. Boyle lässt diese private Katastrophe in einer Landschaft stattfinden, die ihre eigene Sprache spricht: Boulder City, der Lake Mead, die Wüste, die langen Straßen – viel Raum und zugleich kein Ausweg. So steht Los Angeles mit seiner überfüllten Notaufnahme dem scheinbar ruhigeren Nevada gegenüber, doch ruhig ist hier nichts, denn unter der trockenen Oberfläche gärt es!
Auch die amerikanische Gegenwart ist ständig anwesend, was ich besonders aktuell und beeindruckend finde: Jesse trägt seine Wut offen zur Schau, träumt von literarischer Bedeutung und arbeitet an einem Roman über den Hoover-Damm, während Terry versucht, sich an Fakten und Vernunft festzuhalten. Langsam wurde mir klar, dass zwischen ihnen nicht nur Bethany liegt, sondern ein ganzes Land: Stadt und Land, Aufstieg und Abstieg, Bildung und Ressentiment, der Wunsch nach einem besseren Leben und die Erfahrung, dass dieses Leben immer weiter zurückweicht!
Am stärksten geblieben sind mir jedoch die kleinen Dinge: das Haus der toten Mutter, das plötzlich mit fremder Gegenwart gefüllt wird; Terrys Müdigkeit; Jesses Lederjacke und seine verletzte Eitelkeit; Bethanys Unentschlossenheit … und schließlich Daisy, die Hündin, die trauert, während Terry kaum weiß, was er mit seiner eigenen Trauer anfangen soll. Und so scheint der Hund die Gefühle der Menschen manchmal genauer zu verstehen als sie selbst.
T. C. Boyle schreibt also über Menschen, die sich nach einem Zuhause sehnen und es gerade deshalb zerstören, sobald sie es finden: Vielleicht liegt darin der eigentliche Sinn des Titels? „No Way Home“ bedeutet nicht nur, dass es keinen Weg zurück gibt, sondern es bedeutet auch, dass niemand dieser drei weiß, wo dieses Zuhause überhaupt liegen könnte …
So bleibt am Ende ein eigentümliches Gefühl zurück: die Wüste vor Augen, die Stadt im Rücken, drei Menschen, die einander festhalten und dabei immer weiter voneinander wegdriften. Mich hat dieser Roman bis zuletzt vor allem wegen dieser Unruhe gefesselt und beschäftigt, denn Boyle erzählt von der Sehnsucht nach Nähe, ohne sie zu verklären. Und vielleicht ist gerade das so verstörend: dass der Wunsch, nicht allein zu sein, manchmal der Anfang davon ist, einem anderen Menschen keinen Raum mehr zu lassen: „No way home!“