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Gerade für Sie gelesen

  • Der letzte Weckruf von Louise Penny; Mellissa Fung

    Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Ein neuer Roman von Louise Penny, der nicht Chief Inspector Gamache als Hauptfigur hat?
    Ich war extrem gespannt, was Louise Penny dieses Mal – so ganz abseits der vertrauten Pfade (und ja, ich weiß: Es gibt schon ein anderes Buch von ihr, gemeinsam mit Hillary Clinton verfasst, das nicht in meinem geliebten kleinen Dörfchen Three Pines spielt) – geschrieben hat, und was soll ich sagen? Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht!

    „Der letzte Weckruf“ ist ein extrem spannender Roman, den man atemlos liest und aufmerksam lesen muss, weil er sehr komplex ist.
    Die Geschichte rund um Vivien und Alice, Mutter und Tocher, deren schwierige Beziehung in einer Zeit größter Gefahren auf eine Zerreißprobe gestellt wird, ist deswegen so gut, weil Penny es wie immer meisterhaft versteht, ihre Figuren zu entwickeln, so dass man sie mit der Zeit wirklich zu kennen glaubt.
    Das Szenario, das Penny und ihre Mitautorin, die Journalistin Mellissa Fung, entwerfen, ist bedrohlich und erschreckend realistisch:
    Die nächste Generation der künstlichen Intelligenz und verzerrte Fakten, Politiker, die völlig außer Kontrolle zu sein scheinen, eine skrupellose, weltweit operierende Terrororganisation und Anschlagspläne, die einen weltweiten Krieg auslösen könnten – das alles ergibt einen politischen Thriller, bei dem die Beklemmung von Seite zu Seite zunimmt und man sich immer wieder denkt bzw. hofft: Vieles davon ist ja längst Realität, aber so verheerend kann es doch wohl niemals werden?!

    „Der letzte Weckruf“ ist aber nicht nur eine Geschichte von politischen Machenschaften, sondern zugleich die einer belasteten Mutter-Tochter-Beziehung; es geht um alte Wunden und das Bedürfnis, sich einem Elternteil verbunden zu fühlen, es geht – wie immer bei Louise Penny – ganz viel um Liebe und tiefe Freundschaft.
    Bei all den Schrecklichkeiten, die sie hier beschreibt, blitzt zum Glück auch immer wieder der Witz und der Schalk durch, der auch für ihren Inspector Gamache so typisch ist.
    Und Louise Penny wäre nicht Louise Penny, wenn es sich nicht auch in diesem Roman ganz oft um gutes Essen drehen würde!

    Ganz klare Lese-Empfehlung von mir – und ich bin gespannt, was sie als nächstes für ihre Leserinnen und Leser parat hat… solange sie Armand Gamache nicht in den Ruhestand schickt.

  • Skippy stirbt von Paul Murray

    Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Viel deutlicher kann ein Romantitel wohl kaum sein. Und tatsächlich beginnt Paul Murrays gewaltiger Roman genau dort, wo andere enden: Der vierzehnjährige Daniel „Skippy“ Juster bricht während eines Donut-Wettessens zusammen und stirbt. Die eigentliche Geschichte beginnt erst danach – oder vielmehr davor. Denn Murray erzählt in den folgenden fast 800 Seiten, wie es überhaupt so weit kommen konnte.
    Schauplatz ist das katholische Eliteinternat Seabrook College in Dublin. Dort teilt sich Skippy das Zimmer mit Ruprecht Van Doren, einem übergewichtigen Mathematikgenie, das fest davon überzeugt ist, mithilfe der Stringtheorie ein Tor in ein Paralleluniversum öffnen zu können. Während Ruprecht über die großen Rätsel des Universums nachdenkt, beschäftigt Skippy vor allem eines: Lori, das schönste Mädchen von der benachbarten Mädchenschule. Dass ausgerechnet der skrupellose Carl ebenfalls ein Auge auf sie geworfen hat, macht die Sache nicht einfacher.

    Was zunächst wie ein Internatsroman voller schräger Figuren und skurriler Situationen wirkt, entwickelt sich nach und nach zu etwas viel Größerem. Es geht um erste Liebe, Freundschaft, Mobbing, Leistungsdruck, Drogen, Missbrauch, Einsamkeit und die Frage, wie gut Erwachsene Jugendliche eigentlich wirklich kennen. Dabei erzählt Paul Murray mal urkomisch, mal erschütternd traurig – manchmal sogar innerhalb weniger Seiten.
    Ich habe selten ein Buch gelesen, das so mühelos zwischen Slapstick und tiefem Ernst wechselt. Eben noch lacht man über die herrlich schrägen Dialoge und die absurden Einfälle der Internatsschüler, im nächsten Moment zieht einem Murray den Boden unter den Füßen weg.
    Allerdings braucht dieser Roman auch Geduld. Murray liebt Abschweifungen, gönnt fast jeder Nebenfigur ihre eigene Geschichte und verliert sich gelegentlich in naturwissenschaftlichen Exkursen oder philosophischen Gedankenspielen. Nicht jede dieser Umwege hat mich gleichermaßen überzeugt; an manchen Stellen hätte ich mir etwas mehr Straffung gewünscht.
    Trotzdem: Je länger man liest, desto deutlicher wird, dass all diese Figuren, Gespräche und Nebengeschichten Teil eines großen Ganzen sind. Und irgendwann versteht man, dass „Skippy stirbt“ gar nicht in erster Linie ein Roman über den Tod eines Jungen ist, sondern über das Erwachsenwerden – mit all seiner Komik, seiner Grausamkeit und seiner Zerbrechlichkeit.

    Mein Fazit:
    „Skippy stirbt“ ist kein leichtes Buch, weder wegen seines Umfangs noch wegen seiner Themen. Aber es ist eines dieser seltenen Bücher, die gleichzeitig urkomisch und herzzerreißend sein können. Ein Roman voller Leben – obwohl sein Titel das genaue Gegenteil verspricht.

  • Vom Aufstehen von Helga Schubert

    Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    „Ich stehe auf und denke: Wieder ein Tag.“

    Viel mehr braucht Helga Schubert eigentlich nicht, um den Ton ihres Buches zu setzen. Es sind keine großen Ereignisse, keine spektakulären Wendungen, die sie interessieren. Es sind die kleinen Momente eines langen Lebens. Erinnerungen, Begegnungen, Beobachtungen, die sich zu einem Mosaik zusammensetzen.
    „Vom Aufstehen“ ist kein Roman im klassischen Sinn, sondern eine Sammlung kurzer autobiografischer Texte. Mal blickt Schubert auf ihre Kindheit in der DDR zurück, mal erzählt sie von der schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter, von ihrem schwerkranken Mann, vom Älterwerden, von der Natur rund um ihr Haus in Mecklenburg oder einfach von einem Gedanken, der sie beim morgendlichen Aufstehen beschäftigt.
    Gerade diese Unaufgeregtheit hat mir oft gut gefallen. Schubert gelingt es, in wenigen Sätzen eine Stimmung entstehen zu lassen oder einen Gedanken so zu formulieren, dass man ihn gerne noch eine Weile mit sich herumträgt. Manche Miniaturen haben mich wirklich berührt.
    Andere dagegen haben mich etwas ratlos zurückgelassen.
    Nicht, weil ich sie nicht verstanden hätte, sondern weil ich immer wieder das Gefühl hatte, dass sie genau dort enden, wo sie eigentlich erst anfangen. Dass da noch etwas fehlt. Ein Gedanke, der zu Ende gedacht werden möchte. Eine Erinnerung, die weitererzählt werden müsste. Manche Texte wirkten auf mich eher wie Skizzen als wie abgeschlossene Erzählungen.
    Vielleicht ist genau das gewollt. Vielleicht liegt gerade darin der Reiz dieses Buches.
    Mich hat diese Offenheit allerdings nicht immer überzeugt und auch in unserem Lesezirkel wurde das Buch durchaus kontrovers diskutiert.

  • Little White Lies von Jennifer Lynn Barnes

    Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Ich bin ja nun wirklich nicht die Zielgruppe, aber im Urlaub werden Bücher halt getauscht.
    Jennifer Lynn Barnes nimmt uns in ihrem Roman „Little White Lies“ mit in die High-Society der Südstaaten, und irgendwie hatte ich die ganze Zeit das Gefühl, wenn schon nicht direkt auf Tara bei Scarlett O’Hara in „Vom Winde verweht“ gelandet zu sein, dann doch wenigstens in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts.
    Die Geschichte spielt aber tatsächlich in der aktuellen Zeit, aber wer weiß? Vielleicht geht es in der Welt der weißgewandeten und behandschuhten Debütantinnen der Upper Class wirklich genauso zu.
    Aber auch Hauptfigur Sawyer Taft hat das Gefühl, „in eine Art schräges Wunderland“ geraten zu sein.
    War sie eben noch das Mädchen aus der Kleinstadt, das über einer Kneipe aufwächst und in einer Autowerkstatt arbeitet, ist sie nun eine der bereits erwähnten Debütantinnen auf dem Anwesen ihrer stinkreichen und enorm einflussreichen Großmutter, die ihr bis vor kurzem gänzlich unbekannt war.

    Wie es dazu kommen konnte, und was Sawyer – an der Stelle würde mich mal interessieren, ob es anderen Leserinnen auch so ging: Obwohl ich kein Fan bin, musste ich mich regelrecht zwingen, wirklich immer „Sawyer Taft“ und nicht „Taylor Swift“ zu lesen – in dieser vordergründig so noblen, aber hinter den Kulissen extrem intriganten Welt erlebt und welches skandalöse Abenteuer sie mit ihrer Cousine Lily und deren bester Freundin, der braven Sadie-Grace, und der durchtriebenen Senatorentocher Campbell erlebt, das ist gleichermaßen hanebüchen wie unterhaltsam.

    Ich habe zwar während des Lesens so viel gelästert und gemeckert über die haarsträubende Geschichte, dass ich meiner Tochter, der das Buch eigentlich gehört, fast die Lust am selber lesen verdorben hätte – aber gleichzeitig muss ich jetzt auch zugeben, dass ich nicht völlig abgeneigt bin, demnächst auch noch den zweiten Teil zu lesen.
    Denn der kurze Teaser für „Deadly Little Scandals“ facht die Neugier, wie es mit den Mädels weitergeht, natürlich an…

  • Modern Nordic von Simon Bajada

    Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Simon Bajada, gebürtiger Australier, aber schon länger in Schweden lebend, arbeitete zunächst einige Jahre als ausgebildeter Koch und ist jetzt Foodstylist und Reisefotograf.
    Das merkt man seinem prächtigen Buch „Modern Nordic“ an. Es ist nicht einfach „nur“ ein Kochbuch mit tollen Rezepten, sondern – zumindest für mich – ein prächtiger Bildband, der die Sehnsucht nach Skandinavien ganz gut befeuert!
    Bajada schreibt es selbst: „Ja, in diesem Buch stehen Rezepte zum Nachkochen, aber darum geht es nicht allein.“
    Verwendete Zutaten und Methoden sollen genauso wie die eingestreuten Geschichten und Anekdoten ein Verständnis für die Essgewohnheiten und Kochtechniken der jeweiligen Region vermitteln und damit auch unseren Küchen und unserem Zuhause „etwas nordischen Stil einhauchen“.
    Vielleicht weniger ein Kochbuch, das man im Alltag dauernd verwendet, als ein Coffeetable-Book, das zum Schwärmen und Schwelgen einlädt.
    Auf jeden Fall ein Buch, das man unbedingt in seiner Kochbuch-Sammlung haben möchte!

  • Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Die Australierin Donna Hay ist mit knapp dreißig veröffentlichten Büchern eine der weltweit erfolgreichsten Kochbuchautorinnen.
    Ihr neues Werk „Sunshine, Lemons and Sea Salt” ist schon jetzt eines meiner Lieblingsbücher für diesen Sommer.
    Ihr Erfolgsrezept: Wenige Zutaten, wenige Arbeitsschritte, viel Geschmack. Und wie immer wunderbare Fotos – da merkt man dann schon, dass sie auch Foodstylistin ist. Noch dazu sind die Bilder für das Buch in ihrem Haus am Bondi Beach entstanden.
    „Das Leben am Meer gibt meinem Essen unzweifelhaft einen entspannten, frischen und sonnigen Spirit“, sagt Hay – diese Stimmung in der eigenen, nicht am Meer gelegenen Küche einzufangen, ist natürlich nicht ganz so einfach.

    Die Rezepte führen uns durch den Tag – so gibt es zum Beispiel ein Birchermüsli, aufgepeppt mit Kokosmilch und Vanille, oder einen Pancake, der so fluffig ist, dass er nicht umsonst „Soufflé-Pfannkuchen“ heißt.
    Sehr gut gelungen sind auch die Rezepte für den „leichten Lunch“, hier dreht sich alles um sommerliches Obst, süße Tomaten und Tartines – Scheiben von Sauerteigbrot, die schick belegt werden, z.B. mit Zitronenpesto, Zucchini-Julienne und Burrata oder einer Erbsen-Mandel-Salsa mit viel Minze. Ein Glück, dass die am Balkon gerade nur so sprießt – genau das richtige für die heißen Tage.

    Insgesamt ein wunderschönes Kochbuch mit einem entspannten, frischen und sonnigen Spirit, das den Sommer feiert.
    Derzeitiger Küchen-Liebling!

  • Martha. Das Kochbuch von Martha Stewart

    Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Wie Martha Stewart in ihrem Vorwort schreibt, ist das vorliegende Buch ihr hundertstes. Für mich ist es das erste, obwohl mir Martha Stewart seit zig Jahren ein Begriff ist.
    Bekannt wurde sie durch ihre vielfältigen Projekte in Bereichen wie Kochen, Lifestyle, Homedeko und Etikette. Oft wurde sie als „Amerikas beste Hausfrau“ bezeichnet.
    Für ihr neues Buch „Martha. Das Kochbuch“ hat sie aus Tausenden Rezepten, die sie im Laufe ihres Lebens gesammelt hat – und Mrs Stewart ist bereits 84 Jahre alt, auch wenn das Foto auf dem Cover dieses nicht vermuten lässt, aber das ist jetzt wahrscheinlich gemein von mir und nicht korrekt –, 100 ausgewählt und äußerst stilvoll angerichtet und fotografieren lassen.
    Diese Rezepte umfassen Gerichte für Frühstück und Brunch, Suppen und Salate, Cocktails und kleine Vorspeisen sowie Ideen für Dinner und Dessert.
    Dazu gibt es zahlreiche Fotos aus Marthas Archiv, mit denen sie uns ihre Familiengeschichte und ihren Werdegang näherbringt.

    Herausragend gut fand ich die Kartoffeln in Buttermilch, ein wirklich einfaches Gericht, das man entweder als „bescheidene Bauernmahlzeit“ oder aber als raffinierte Zusammenstellung bodenständiger, aber köstlicher Zutaten bezeichnen kann.
    Auch wenn es die besten Zitronen bei uns ja bekanntlich ja erst im späten Herbst gibt, habe ich schon jetzt die Pasta Limone probiert – mit frisch geriebener Zitronenschale und trotz Parmesan ein erfrischendes Gericht.
    Schnell gemacht sind auch die Shortbread-Taler, für die man zunächst braune Butter herstellen muss, durch deren nussigen Geschmack die krümelig-sandigen Kekse enorm gewinnen.
    Reizen würde mich auch der Engelskuchen, aber da hierfür 14 (!) Eiweiß verwendet werden und Martha nicht verrät, was sie mit den Unmengen an übrigbleibenden Eigelb anstellt, warte ich hiermit vielleicht bis zur kälteren Jahreszeit und steige dann zeitgleich mit dem Kuchen in die Eierlikör-Produktion ein.

    Mein Fazit: In diesem Buch wird ganz schön viel inszeniert, aber gleichzeitig auch gut gekocht. Von daher hat Marthas Buch für mich das Potential zum vielbenutzten Küchenklassiker!

  • Not Quite Dead Yet von Holly Jackson

    Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Der Titel sagt es ja schon: Jet ist noch nicht ganz tot, aber fast. In der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November – das Datum könnte passender nicht sein – wird sie in ihrer eigenen Küche brutal überfallen. Der erste Schlag hat den Schädelbruch vermutlich verursacht, der zweite hat den Knochen tiefer in ihr Gehirn getrieben. Und jetzt ist da ein winziger Knochensplitter, der auf eine der Hauptarterien ihres Gehirns drückt und ein Aneurysma bilden wird. Das wiederum wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit innerhalb einer Woche platzen und… naja, das war’s dann. Da die Überlebenschance einer riskanten Operation bei nur zehn Prozent liegt, entscheidet sich Jet dagegen und beschließt, die letzte Woche ihres Lebens als Detektivin zu verbringen. Denn sie muss einfach wissen, wer ihr das angetan hat.
    So weit, so gut. Ich schreibe ja immer am liebsten Empfehlungen für Bücher, bei denen alles toll ist und ich nichts Gröberes zu bemängeln habe.
    Hier sieht die Sache schon ein bisschen anders aus.

    Wenn es schon an ein Wunder grenzt, dass Jet sich trotz Schädeltrauma und sechsunddreißig Stunden Bewusstlosigkeit voll bewegen und klar denken kann, so ist es noch viel wundersamer, dass sie kurze Zeit später durch die Gegend rennt und sprintet, um ihren Mörder dingfest zu machen.
    Hat ein Neurologe dieses Buch gegengelesen? Ist das medizinisch wirklich möglich? Jet muss so eine Art Wonderwoman sein.
    Von diesem medizinischen Sonderfall einmal abgesehen, ist Holly Jacksons neuestes Werk aber sehr spannend, und Jets „Ablaufdatum“ gibt natürlich ein rasantes Tempo vor. Wie immer bei Jackson kann man wunderbar miträtseln und wird mit jedem Kapitel paranoider. Denn wie könnte es anders sein: Jeder in Jets engerem Umfeld macht sich mit der Zeit verdächtig, allen voran ihr eigener Bruder Luke, dessen Frau Sophia – einst Jets beste Freundin, aber jetzt eine unglaublich blöde Kuh – und sogar Jets eigene Mutter. Und was ist mit Billy, dem armen, süßen Billy, Jets Freund aus Kindertagen, der ihr bei ihren Ermittlungen treu zur Seite steht. Ist er wirklich so harmlos, wie man glauben soll?

    Mit „Not Quite Dead Yet” will Holly Jackson offenbar im Erwachsenen-Genre Fuß fassen – ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob das wirklich funktioniert. Auch hier ist ihre Handschrift unverkennbar: kleine Andeutungen, die später noch wichtig werden, falsche Fährten und clevere Wendungen. Wer „A Good Girl’s Guide to Murder“ mochte, findet hier viele vertraute Elemente, sprachliche Eigenheiten und eine halsstarrige Heldin wieder – nur ist Jet, im Gegensatz zu Pip, deutlich schwieriger ins Herz zu schließen.

    Nachdem ich jetzt diverse Romane von Holly Jackson gelesen habe, kann ich für mich festhalten: Immer spannend, sehr intensiv, aber auch ganz schön haarsträubend. Was die Sprache betrifft, muss ich den Ball vermutlich flach halten, da ich das Buch nicht im Original gelesen habe. „Ein Knurren entrang sich ihrer Kehle“, „… verlangte sie zu wissen“ und die permanente Verwendung von „schnappte XY“ (statt „blaffen“, „anherrschen“, von mir aus sogar „bellen“) – das ist auf die Dauer schon etwas platt und wenig literarisch, aber vielleicht bin ich in der Hinsicht auch einfach zu pingelig.
    Und irgendwie schreibt Jackson immer gleich, das mag für den Wiedererkennungseffekt ja nicht schlecht sein, aber ich glaube, man kann sich daran auch „sattlesen“.

  • Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Schon nach den ersten Seiten wurde mir klar, dass dieses Buch anders ist als viele andere, die sich mit Krankheit oder Abschied beschäftigen, denn die berühmte Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux erzählt nicht rückblickend und ordnet das Erlebte auch nicht ein, sondern lässt stattdessen ihre Notizen für sich sprechen – knapp, direkt und oft schmerzhaft ehrlich. Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl, ihr ganz nah zu sein, als würde sie mich an etwas teilhaben lassen, das eigentlich nur für sie selbst bestimmt war – und genau diese Unmittelbarkeit hat mich besonders berührt.
    Annie Ernaux begleitet ihre Mutter auf ihrem letzten Weg durch die Alzheimer-Erkrankung, doch mit jedem Besuch verliert die Mutter ein weiteres Stück ihrer Welt – Erinnerungen verblassen, vertraute Gesichter werden fremd, Sprache und Orientierung lösen sich langsam auf; was zurückbleibt, sind kleine Gesten, abgerissene Sätze und Momente, in denen die Tochter ihre Mutter noch einmal für einen Augenblick wiederzuerkennen glaubt. Annie Ernaux hält diese Begegnungen unmittelbar fest, fast so, als könne das Schreiben den Verlust wenigstens für einen Moment aufhalten …
    Besonders beeindruckt hat mich die kompromisslose Ehrlichkeit, mit der die Autorin ihre eigenen Gefühle beschreibt, denn sie verschweigt weder ihre Schuldgefühle noch ihre Erschöpfung oder den Ekel, den die Krankheit manchmal in ihr auslöst. Gerade diese Offenheit empfand ich als außergewöhnlich, macht sie doch die Autorin nicht unangreifbar oder bewundernswert, sondern zutiefst menschlich. Und so hatte ich beim Lesen immer wieder den Eindruck, dass Annie Ernaux nichts beschönigen möchte – weder ihre Mutter noch sich selbst, wodurch eine Nähe entstanden ist, die ich manchmal fast als schmerzhaft empfunden habe. Auch die Sprache hat mich nachhaltig beeindruckt, denn sie ist schlicht, präzise und vollkommen frei von Pathos, was sie dann auch so eindringlich macht; Annie Ernaux vertraut nämlich darauf, dass die Wirklichkeit für sich selbst spricht – und so entfalten ein kurzer Satz, eine beiläufige Beobachtung oder ein Blick der Mutter oft mehr emotionale Kraft als lange Beschreibungen es könnten. Gerade diese sprachliche Reduktion macht das Buch so intensiv, denn zwischen den knappen Notizen entsteht Raum für das, was unausgesprochen bleibt – für Trauer, Hilflosigkeit und Liebe.
    Der Titel des Buches erhält dabei eine besondere Bedeutung: „Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus“ ist der letzte Satz, den die Mutter selbst niederschreibt und wird für mich zum emotionalen Zentrum des gesamten Buches; er beschreibt nicht nur die Demenz als Krankheit, sondern auch das Gefühl, in einer Welt gefangen zu sein, die nach und nach ihre Konturen verliert, so wie es eben passiert, wenn man in die „Dunkelheit“ gerät. Und das gerade spiegelt sich in der Ohnmacht der Tochter wider, die ihre Mutter begleiten, sie aber nicht mehr erreichen kann …
    Beeindruckend ist zudem, dass die Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux diese Aufzeichnungen über viele Jahre unveröffentlicht ließ und sich erst sehr spät dafür entschied, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dadurch wirken die Texte nicht wie bewusst komponierte Literatur, sondern wie konservierte Augenblicke einer existenziellen Ausnahmesituation – und gerade diese Unmittelbarkeit verleiht ihnen ihre besondere Glaubwürdigkeit!
    Während der Lektüre musste ich immer wieder innehalten; nicht, weil das Buch dramatische Wendungen bereithält, sondern weil es alltägliche Situationen mit einer emotionalen Wucht beschreibt, die lange nachhallt und fast schmerzt, denn es führt vor Augen, wie schmal der Grat zwischen Nähe und Überforderung sein kann und wie widersprüchlich Liebe im Angesicht einer unheilbaren Krankheit werden darf. Und dass Annie Ernaux auch diese Ambivalenzen zulässt und uns gleichzeitig zugänglich macht, gibt dem Text für mich seine außergewöhnliche Sogkraft.
    „Ich komme nicht aus der Dunkelheit raus“ ist deshalb weit mehr als ein Bericht über Alzheimer; es ist vielmehr eine stille Reflexion über Erinnerung, Identität und das schmerzhafte Loslassen eines geliebten Menschen. Annie Ernaux zeigt, dass Literatur nicht immer Antworten geben muss, sondern dass es manchmal genügt, einer Erfahrung mit größtmöglicher Wahrhaftigkeit eine Sprache zu verleihen. Und genau darin liegt die nachhaltige Kraft dieses bewegenden Buches, das mich weiterhin gedanklich durch den Sommer begleiten wird!

  • Zsömle ist weg von László Krasznahorkai

    Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck

    Es gibt Autoren, denen ich mich nicht mit der Erwartung einer spannenden Handlung nähere, sondern mit der Bereitschaft, mich auf eine eigene Welt einzulassen. László Krasznahorkai, der Literatur-Nobelpreisträger 2025, gehört für mich seit Langem dazu; und auch sein Buch „Zsömle ist weg“ verlangt Geduld und Aufmerksamkeit – und belohnt beides mit einem Roman, der mich gleichermaßen zum Schmunzeln, Nachdenken und gelegentlich auch zum Erschrecken brachte. Lange nach der letzten Seite blieb weniger die Handlung als vielmehr eine eigentümliche Stimmung zurück: eine Mischung aus Melancholie, feinem Humor und leiser Beunruhigung.
    Im Mittelpunkt steht der 91-jährige József Kada, den alle nur „Onkel Józsi“ nennen. Hoch oben auf einem Berg lebt er zurückgezogen mit seinem Hund Zsömle, bis eines Tages eine Gruppe monarchistisch gesinnter Idealisten vor seiner Tür steht. Nach aufwendigen genealogischen Recherchen glauben sie, in ihm den letzten legitimen Nachfahren der Árpáden und damit den rechtmäßigen König Ungarns gefunden zu haben. Was zunächst wie eine skurrile Posse wirkt, entwickelt sich Schritt für Schritt zu einer ebenso grotesken wie beklemmenden Erzählung über Macht, Sehnsucht und politische Verführbarkeit.
    Gerade diese langsame Verschiebung der Perspektive hat mich fasziniert, denn anfangs lacht man über die schrulligen Figuren und ihre abenteuerlichen Ideen, doch allmählich bleibt einem das Lachen im Hals stecken. Vieles erscheint plötzlich erschreckend nah an der Realität, wobei Krasznahorkai daraus jedoch keinen politischen Schlüsselroman macht: Ihn interessiert nämlich weniger die Tagespolitik als die Frage, warum Menschen sich nach Heilsfiguren sehnen und wie leicht sich Erinnerungen in gefährliche Mythen verwandeln können.
    Onkel Józsi ist dabei eine wunderbare Hauptfigur, ist er doch weder Held noch Narr, sondern ein alter Mann, der seine Ruhe sucht und Gewalt entschieden ablehnt. Gerade deshalb wird er zur Projektionsfläche für die Hoffnungen und Fantasien anderer und seine Sanftmut schützt ihn letztlich nicht davor, vereinnahmt zu werden. In dieser Figur liegt eine stille Tragik, die mich mehr berührt hat als viele dramatische Helden moderner Romane.
    Besonders ans Herz gewachsen ist mir allerdings Zsömle; zwar scheint der Hund zunächst nur eine Randfigur zu sein, doch gerade seine selbstverständliche Treue bildet einen stillen Gegenpol zur menschlichen Welt voller Ideologien, Eitelkeiten und Machtträume. Während Menschen Geschichte schreiben wollen, lebt Zsömle ganz im Augenblick … Vielleicht, so mein Eindruck, ist er der eigentliche Hoffnungsträger dieses Romans?
    Wie immer ist es vor allem die Sprache, die Krasznahorkais Literatur unverwechselbar macht. Seine langen, mäandernden Sätze fließen wie ein ruhiger, manchmal reißender Strom: Gedanken, Dialoge und Erinnerungen gehen ineinander über, als gäbe es keine festen Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart; so fordert diese Prosa beträchtliche Konzentration und lässt sich wohl nicht nebenbei lesen … Wer sich jedoch auf ihren Rhythmus einlässt, entdeckt eine sprachliche Schönheit, die ihresgleichen sucht.
    Zwar erschließen sich manche Anspielungen auf die ungarische Geschichte oder die Politik Viktor Orbáns erst mit entsprechendem Hintergrundwissen, doch meines Erachtens entfaltet der Roman seine Wirkung, selbst ohne jedes Detail zu kennen. Er erzählt letztlich von universellen menschlichen Sehnsüchten: von der Verlockung einer idealisierten Vergangenheit, vom Wunsch nach einfachen Antworten und von der Gefahr, Verantwortung an vermeintliche Erlöser abzugeben.
    Als ich das Buch zuschlug, blieb vor allem ein Gedanke zurück: Krasznahorkai beschreibt keine ferne Dystopie, sondern hält unserer Gegenwart einen leicht verzerrten Spiegel vor; denn gerade weil vieles so absurd wirkt, erscheint es umso glaubwürdiger! „Zsömle ist weg“ ist deshalb weit mehr als eine politische Satire, sondern vielmehr ein melancholisches, bisweilen komisches und zugleich tief bewegendes Gleichnis über Erinnerung, Macht und die Zerbrechlichkeit demokratischer Gewissheiten. Ein Roman, der nicht laut belehrt, sondern leise in den Sommernächten nachhallt – wie ein Echo, das einen noch lange begleitet. Eine wunderbare Urlaubslektüre für gemütliche Stunden am Strand oder auf einer Bergwiese!