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Gerade für Sie gelesen

  • Katja aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck empfiehlt:

    Katja ist Buchhändlerin in unserer Tyrolia-Filiale in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck und leidenschaftliche Leserin.

  • Falscher Glanz von Margaret Kennedy

    Fast genau hundert Jahre liegen zwischen Margaret Kennedys „Falscher Glanz“ und unserer Gegenwart, denn der Roman erschien ursprünglich 1927, ist aber nun in einer aktuellen deutschen Neuübersetzung und Neuauflage bei Schöffling & Co. wiederentdeckt worden. Die deutsche Ausgabe erschien 2025 in der Übersetzung von Maria Sander – gerade diese Wiederentdeckung finde ich bemerkenswert: Ein beinahe hundert Jahre alter Roman wird neu aufgelegt – und er liest sich keineswegs wie ein Relikt aus einer vergangenen Zeit!
    Im Mittelpunkt stehen die Zwillinge Emily und William Crowne, deren Vater Norman Crowne, ein erfolgreicher Schriftsteller, des Mordes angeklagt wird. Obwohl er freigesprochen wird, bleibt der Skandal an ihm und später auch an seinen Kindern haften – und so erben Emily und William nicht nur ein beträchtliches Vermögen, sondern auch einen Namen, der mit einem öffentlichen Skandal verbunden ist. Besonders eindrücklich fand ich die Vorstellung, dass die Kinder für etwas mitverantwortlich gemacht werden, das sie selbst überhaupt nicht verschuldet haben. Was Margaret Kennedy vor fast hundert Jahren beschreibt, erinnert erstaunlich stark an unsere Gegenwart: an öffentliche Empörung, mediale Aufmerksamkeit und daran, wie lange ein einmal entstandenes Bild eines Menschen nachwirken kann.
    Genau hier liegt für mich eine der großen Stärken von „Falscher Glanz“, denn die Autorin erzählt zwar von einer Gesellschaft des frühen 20. Jahrhunderts, aber sie schreibt über Fragen, die uns bis heute beschäftigen: Wie sehr prägt die Familie einen Menschen? Kann man sich von seiner Herkunft lösen? Wie frei sind wir wirklich darin, unser Leben selbst zu bestimmen? Und was passiert, wenn die Erwartungen der Gesellschaft mit den eigenen Vorstellungen vom Glück kollidieren?
    Besonders modern wirkt der Roman für mich beim Thema alternative Lebensformen: William versucht, im Haus seines Onkels eine Art Kommune aufzubauen. Menschen wollen gemeinsam leben, kreativ sein und sich von den traditionellen Vorstellungen der bürgerlichen Kleinfamilie lösen. Das klingt beinahe wie eine Debatte aus dem 21. Jahrhundert: Wie wollen wir zusammenleben? Muss das klassische Familienmodell für alle funktionieren? Wie viel Individualität verträgt eine Gemeinschaft? Margaret Kennedy zeigt allerdings auch die Schwierigkeiten eines solchen Experiments, denn Ideale allein reichen nicht aus, wenn Geld fehlt, Menschen unterschiedliche Interessen haben und persönliche Konflikte nicht verschwinden – und gerade dadurch wirkt die Geschichte heute so vertraut.
    Auch Kennedys Beschäftigung mit dem Verhältnis zwischen Frauen und Männern ist erstaunlich aktuell, denn ihre weiblichen Figuren haben eigene Wünsche und Ambitionen, wollen sie doch schreiben, lieben, unabhängig sein oder sich aus unglücklichen Ehen befreien. Gleichzeitig stoßen sie jedoch immer wieder auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Grenzen … Für mich ist interessant, dass Margaret Kennedy diese Frauen nicht einfach als Opfer darstellt, denn sie können widersprüchlich, eigensinnig, klug und manchmal sogar manipulativ sein, und dadurch wirken sie nicht wie Figuren aus einem historischen Roman, sondern wie Menschen, die auch heute neben uns leben könnten!
    Überhaupt hat mich überrascht, wie modern Margaret Kennedy ihre Figuren zeichnet, denn fast alle sind auf der Suche nach einem besseren Leben und probieren unterschiedliche Modelle aus: Ehe, Familie, Kunst, finanzielle Sicherheit oder gemeinschaftliches Zusammenleben, doch kaum einer findet das erhoffte Glück. Gerade diese Suche nach dem „richtigen“ Leben verbindet den Roman mit unserer Gegenwart: Auch heute gibt es unzählige Vorstellungen davon, wie ein erfülltes Leben aussehen sollte – und trotzdem bleibt die Frage offen, ob diese Vorstellungen tatsächlich glücklich machen?
    Dass „Falscher Glanz“ jetzt, fast hundert Jahre nach seinem ersten Erscheinen, neu aufgelegt wird, erscheint mir deshalb geradezu folgerichtig und die Neuauflage macht einen vergessenen Roman wieder zugänglich, dessen Themen plötzlich wieder sehr nah an unserer Zeit liegen. Stilistisch hat mir gerade diese Vielschichtigkeit gefallen, denn sie lässt eine ganze Gesellschaft entstehen und zeigt, wie unterschiedlich Menschen auf dieselben gesellschaftlichen Zwänge reagieren. Am Ende bleibt für mich vor allem ein Gefühl der Melancholie – aber auch eine gewisse Gelassenheit: Die Menschen scheitern an ihren Beziehungen, ihren Erwartungen und ihren Lebensentwürfen. Und währenddessen fällt draußen der englische Regen, der Wind weht und die Welt dreht sich weiter …
    Genau das macht „Falscher Glanz“ für mich zu einer besonderen Lektüre: Ein Roman von 1927, der durch eine Neuauflage im Jahr 2025 beinahe wieder zu einer Neuerscheinung geworden ist – und dabei zeigt, dass sich die Gesellschaft zwar verändert, die großen Fragen nach Liebe, Freiheit, Familie, Selbstbestimmung und dem guten Leben aber erstaunlich wenig verändert haben. Fast hundert Jahre später wirkt Margaret Kennedys Roman deshalb nicht alt, sondern überraschend gegenwärtig!

  • Unmöglicher Abschied von Han Kang

    Han Kangs „Unmöglicher Abschied“ – nun endlich auch als Taschenbuch erhältlich! – ist ein Roman, der sich nicht lesen lässt wie eine lineare Erzählung, sondern wie ein langsam anschwellender Schneefall: lautlos zuerst, beinahe unbemerkt, und doch legt sich jede Flocke auf etwas bereits Vorhandenes, bis schließlich alles unter einer stillen, leuchtenden Schicht aus Erinnerung, Schmerz und Schönheit verschwindet – oder neu sichtbar wird.
    Im Zentrum stehen zwei Frauen, Gyeongha und Inseon, deren Freundschaft weniger durch gemeinsame Biografie als durch eine Art stilles Einverständnis verbunden ist: die Bereitschaft, sich den dunklen Zonen der Welt auszusetzen, ohne sich von ihnen abwenden zu können. Was als fast beiläufige Bitte beginnt – die Freundin im Krankenhaus bittet Gyeongha, auf der Insel Jeju einen Vogel zu füttern –, entfaltet sich zu einer Reise, die weniger geografisch als existentiell ist, denn Jeju ist kein Ziel im klassischen Sinn, sondern ein Verdichtungsraum: aus Wetter, Erinnerung, Geschichte und Geistern.
    Schon der Weg dorthin trägt die Signatur einer anderen Wirklichkeit, die die Nobelpreisträgerin Han Kang wunderbar einfängt: Ein Schneesturm, der die Orientierung verschluckt, macht aus der Landschaft ein weißes, atmendes Nichts, in dem jede Bewegung zugleich Annäherung und Verlust ist. Und genau hier beginnt Han Kangs eigentliche Erzählbewegung: Sie schreibt nicht über das Ankommen, sondern über das Verschwinden von Gewissheiten; so wird nämlich die Grenze zwischen Traum und Wachsein, zwischen Körper und Erinnerung, zwischen Gegenwart und Geschichte durchlässig, fast porös …
    Je länger man liest, desto stärker verschiebt sich das Zentrum des Romans weg von der Gegenwartshandlung hin zu einem historischen Untergrund, der lange verschüttet war: das Massaker auf Jeju Ende der 1940er Jahre. Dieses Ereignis, das zehntausende Opfer forderte und über Jahrzehnte tabuisiert wurde, tritt im Roman nicht als dokumentarische Rekonstruktion auf, sondern als Nachhall – als etwas, das in Körpern, Bildern und Sprachfragmenten weiterlebt, wobei sich Han Kang diesem Trauma nicht direkt nähert, sondern in Brechungen: über Stimmen, über Träume, über das, was im Schnee sichtbar wird und zugleich verschwindet.
    Besonders eindringlich ist für mich dabei die konsequente Metaphorik des Schnees, denn er ist nicht bloß Atmosphäre, sondern eine Art Erkenntnisform: Schnee verdeckt und legt frei zugleich, er konserviert und löscht aus, er macht die Welt still und zwingt sie doch zur Offenbarung; – in ihm spiegelt sich die Grundbewegung des Romans: das gleichzeitige Erinnern und Verdrängen, das Sich-Nähern und das Nicht-ertragen-Können dessen, was sich zeigt. Und dabei drängte sich mir ein faszinierender Gedanke auf: Wenn Schneeflocken auf Körper fallen, unterscheiden sie zwischen Leben und Tod, zwischen Wärme und Kälte, zwischen dem, was noch antwortet, und dem, was bereits verstummt ist … Und auch die Figuren selbst scheinen zunehmend in diesen Zustand der Zwischenexistenz zu geraten, denn Gyeongha, die sich im Schneesturm durch die Insel kämpft, wird mehr und mehr zu einer Figur an der Schwelle: zwischen Handlung und Halluzination, zwischen Auftrag und innerer Auflösung. Inseon wiederum bleibt trotz Abwesenheit präsent, als Stimme, als Körperfragment, als Erinnerung, die sich nicht auflösen lässt. Ja, selbst der kleine Vogel, um den sich die scheinbar einfache Aufgabe dreht, wird zum Symbol fragiler Lebendigkeit – etwas, das gepflegt werden muss, damit es nicht verschwindet, und das doch jederzeit verschwinden kann. Was also diesen Roman so eigentümlich stark macht, ist die Spannung zwischen seiner poetischen Überfülle und seinem historischen Ernst, schreibt doch Han Kang in Bildern von fast schmerzender Schönheit: Schneefelder, die wie Gräber wirken; Bäume, die zu stummen Zeugen erstarrt sind; Körper, die sich an die Grenze ihrer Belastbarkeit begeben. Dennoch: diese Sprache ist nicht schmückend im herkömmlichen Sinn, sondern insistierend – sie zwingt dazu, hinzusehen, auch dort, wo das Sehen weh tut!
    Gleichzeitig bleibt immer die Frage, wie viel Nähe zur Vergangenheit überhaupt möglich ist, denn der Roman verweigert sich einer klaren Auflösung, ebenso wie er sich einer eindeutigen Trennung von Realität und Imagination entzieht. Vielleicht ist genau das seine eigentliche Bewegung: dass Erinnerung nicht als Archiv erscheint, sondern als Zustand, der sich ständig neu formt, verschiebt, entzieht.
    Am Ende bleibt weniger eine Handlung als eine Erfahrung; so erzählt „Unmöglicher Abschied“ nicht davon, wie man Vergangenes bewältigt, sondern davon, wie es sich in die Gegenwart einschreibt – leise, unaufhörlich, oft unerkannt. Und vielleicht liegt gerade darin seine Kraft: dass er keine beruhigende Distanz herstellt, sondern eine irritierende Nähe zulässt. Es ist ein Buch, das sich nicht abschließt, sondern nachwirkt – wie Kälte, die noch lange im Körper bleibt, nachdem der Schnee schon aufgehört hat zu fallen. Eine unbedingt empfehlenswerte Lektüre!

  • Die Abschaffung des Todes von Andreas Eschbach

    Was wäre, wenn der Tod tatsächlich nur ein technisches Problem wäre? Wenn wir unser Gehirn mitsamt Erinnerungen, Persönlichkeit und Bewusstsein in einen Computer übertragen könnten? Andreas Eschbach macht aus diesem Gedankenexperiment in seinem Roman „Die Abschaffung des Todes“ einen spannenden Thriller – und zugleich eine philosophische Reise zu einer Frage, die näher an uns liegt, als uns lieb sein kann: Was macht einen Menschen eigentlich aus?
    Im Mittelpunkt steht der Journalist James Henry Windover, Herausgeber einer außergewöhnlichen Zeitung: „The Windover View“ hat gerade einmal 49 Abonnenten, die jeweils eine Million Euro im Jahr bezahlen, doch dafür erhalten sie etwas, das im heutigen Medienbetrieb fast utopisch erscheint: nüchterne Fakten, sorgfältig recherchiert und ohne Sensationslust, Meinungsmache oder Unterhaltung. Windover versteht Journalismus als Suche nach Wahrheit – und genau deshalb wird er zum richtigen Mann für einen ungewöhnlichen Auftrag und so schickt die britische Milliardärin Anahit Kevorkian ihn ins Silicon Valley. Dort soll er herausfinden, was hinter dem Unternehmen Youvatar steckt, denn die Firma verspricht ihren Investoren nichts weniger als die Überwindung des Todes; die Wissenschaftler arbeiten nämlich daran, das menschliche Gehirn digital nachzubilden und schließlich das Bewusstsein auf einen Computer zu übertragen – der sterbliche Körper wäre damit nicht mehr notwendig.
    Die Idee ist faszinierend und zugleich zutiefst verstörend, denn wenn eine digitale Kopie meines Gehirns entsteht – bin ich dann noch diese Kopie? Oder stirbt mein eigentliches Ich und auf dem Computer beginnt lediglich jemand zu existieren, der sich für mich hält?
    Hier liegt für mich die eigentliche Stärke des Romans, denn Andreas Eschbach interessiert sich weniger für technische Zukunftsvisionen als für die philosophischen Abgründe, die dahinter liegen. Was ist Bewusstsein? Wo entsteht dieses geheimnisvolle Ich, das sieht, fühlt, erinnert und liebt? Und lässt sich etwas, das wir selbst kaum verstehen, überhaupt kopieren?
    Besonders eindrucksvoll fand ich den Gedanken, dass wir zwar immer genauer erklären können, wie unser Gehirn funktioniert, aber noch immer nicht wissen, wie daraus Erleben entsteht. Wir können beschreiben, wie Licht auf die Netzhaut trifft und elektrische Signale weitergeleitet werden, doch an welchem Punkt wird aus diesen Signalen plötzlich ein Bild? Wo beginnt das bewusste Sehen? Genau an dieser Stelle wird der Roman fast poetisch: Zwischen der technischen Beschreibung des Gehirns und dem Rätsel des Bewusstseins klafft ein Abgrund.
    Auch die Rahmenhandlung um Windovers Zeitung hat mich sehr angesprochen, denn darin geht es um die Idee eines Mediums, das nicht gefallen, empören oder unterhalten will, sondern schlicht möglichst präzise informieren möchte; das wirkt angesichts unserer heutigen Informationswelt beinahe wie Science-Fiction. Gleichzeitig ist Windover selbst keineswegs vollkommen objektiv, doch auch er spürt die Verlockung der Unsterblichkeit, und gerade dadurch wird die Figur glaubwürdig: Der Journalist, der Wahrheit sucht, ist zugleich ein Mensch, der eigene Wünsche und Ängste mit sich trägt. So sind die philosophischen Fragen für mich überzeugender als manche Verfolgungsszene, dennoch gelingt es dem Autor, die Spannung immer wieder anzuziehen, denn die Suche nach dem Schriftsteller Raymond Ferdurci, der offenbar eine Geschichte geschrieben hat, die das gesamte Youvatar-Projekt gefährden könnte, führt schließlich in eine gefährliche Jagd durch Europa bis nach Wien.
    Was nach der Lektüre bleibt, ist allerdings weniger die Action als ein unangenehmer, faszinierender Gedanke: Vielleicht ist der Tod nicht nur das Ende des Lebens, sondern auch das, was ihm seine Bedeutung gibt? Ein Leben ohne Ende klingt zunächst wie das größte Geschenk, doch wenn nichts unwiederbringlich ist, wird dann überhaupt noch etwas kostbar? Vielleicht brauchen wir die Endlichkeit, damit ein Augenblick Gewicht bekommt, ein Abschied schmerzt und ein Leben nicht bloß aus unendlich vielen Morgen besteht …
    Andreas Eschbach beantwortet diese Fragen nicht, sondern lässt sie offen – und gerade deshalb wirken sie nach. Und so ist „Die Abschaffung des Todes“ für mich ein kluger, stellenweise beklemmender Roman über Technik, Macht und unsere Angst vor dem Verschwinden, vor allem aber ist er eine Einladung, über das eigene Ich nachzudenken; – denn vielleicht ist die schwierigste Frage nicht, ob wir den Tod abschaffen können, sondern, ob wir danach noch wüssten, was es bedeutet, zu leben

  • Rote Sonne von Johanne Lykke Holm

    Als ich „Rote Sonne“ zu lesen begann, hatte ich zunächst das Gefühl, in eine Welt einzutreten, die mir vertraut und gleichzeitig seltsam entrückt war: Die Hitze, die träge Stadt am Fluss, das grelle Licht – all das erzeugte bei mir von Anfang an eine Unruhe, die ich nicht genau erklären konnte, so wusste ich beim Lesen oft nicht, worauf ich eigentlich wartete; vielleicht auf etwas Bedrohliches, vielleicht nur darauf, dass die scheinbare Ordnung der Figuren einen Riss bekommen würde? Und je weiter ich las, desto stärker hatte ich den Eindruck: Dieser Riss ist längst da!
    Wenn die „rote Sonne“ alles in ein anderes Licht taucht, dann verändert sich auch der Blick auf das, was wir für selbstverständlich halten – und genau das geschieht in Johanne Lykke Holms Roman: Die beiden Protagonisten India und Kallas führen ein glückliches, kinderloses Leben, bewusst entschieden und scheinbar vollkommen in sich ruhend, doch während eines Aufenthalts bei Kallas’ Jugendfreundin Desma an der Küste begegnen sie drei Jungen, die allein und ohne erkennbare Eltern unterwegs sind. Was zunächst wie eine kurze Episode wirkt, wird durch einen Waldbrand und die Unentschlossenheit der Behörden zu einem monatelangen Zusammenleben.
    Mich hat besonders berührt, wie selbstverständlich India und Kallas nach und nach Verantwortung für die Kinder übernehmen, obwohl sie sich eigentlich gegen ein eigenes Familienleben mit Kindern entschieden haben; und doch finden sie sich plötzlich in einer Situation wieder, die keine Vorbereitung kennt. Gerade darin liegt für mich die große Stärke des Romans: Holm erzählt nicht davon, wie zwei Menschen „Eltern werden“, sondern davon, wie Fürsorge entstehen kann, bevor man sie überhaupt benannt hat. So werden die drei Jungen nicht durch einen Entschluss Teil ihres Lebens, sondern durch Nähe, Alltag und die ganz einfachen Handlungen des Kümmerns.
    Dabei bleibt „Rote Sonne“ stets rätselhaft und ich hatte beim Lesen oft das Bedürfnis, die Figuren besser verstehen zu wollen, ihre Vergangenheit zu kennen, ihre Gedanken zu erfahren. Doch das Faszinierende dabei ist, dass die Autorin mir diese Sicherheit verweigert, denn sie beschreibt lieber das Licht, den Wind, Gerüche, Geräusche und Oberflächen, als die Gefühle ihrer Figuren eindeutig auszudeuten. Anfangs empfand ich diese Distanz als ungewohnt; später begann ich gerade sie zu schätzen, denn dadurch entstehen Leerstellen, die man selbst füllen muss – gerade das ist das Spannende beim Lesen!
    Besonders eindringlich fand ich die Frage, die sich langsam aus der Geschichte herauslöst: Wem gehören Kinder eigentlich? Ihren Eltern, dem Staat, einer Familie – oder der Gesellschaft als Ganzem? Die drei Jungen sind dabei nicht nur Figuren, sondern werden fast zu einem Prüfstein für die Erwachsenen, weil ich an ihnen zeigt, wie brüchig unsere Vorstellungen von Familie, Verantwortung und Zugehörigkeit sein können.
    Trotz der düsteren Ereignisse ist der Roman nicht laut, sondern eine Bedrohung, die eher schleichend kommt: aus den Nachrichten über verschwundene Kinder, aus dem Feuer, aus den Verletzungen der Vergangenheit und aus der Ahnung, dass die scheinbare Normalität jederzeit kippen könnte. Und gerade diese stille Unruhe hat mich beim Lesen nicht mehr losgelassen …
    „Rote Sonne“ ist für mich deshalb weniger ein Roman über eine ungewöhnliche Familie als über die Frage, was Menschen einander schulden, wenn niemand sonst da ist. Holm gibt darauf keine einfache Antwort – und das ist vielleicht das Schönste an diesem Buch, denn am Ende bleibt kein eindeutiges Gefühl zurück, sondern etwas Schwierigeres: das Bedürfnis, über die Geschichte weiter nachzudenken. Wie lange gehört ein Mensch zu uns, wenn wir begonnen haben, für ihn zu sorgen? Und was geschieht, wenn wir ihn wieder loslassen müssen? Die „rote Sonne“ geht unter, aber ihr Licht bleibt noch lange auf den Dingen liegen ...

  • Meine Zuflucht und mein Sturm von Arundhati Roy

    Arundhati Roy beginnt dort, wo viele Erinnerungen enden: beim Tod der Mutter. Mary Roy ist im September 2022 gestorben, doch mit ihrem Tod ist sie aus dem Leben der Tochter keineswegs verschwunden; im Gegenteil. Sie scheint erst jetzt mit voller Wucht zurückzukehren – in Bildern, Sätzen, Verletzungen und einer Liebe, die sich nie eindeutig benennen lässt. „Meine Zuflucht und mein Sturm“ ist der Versuch, dieser widersprüchlichen Frau noch einmal nahe zu kommen, ohne die Schatten zu verschweigen, die sie hinterlassen hat.
    Roy schreibt keine sentimentale Mutter-Tochter-Geschichte, sondern ihr Buch gleicht eher einer vorsichtigen Annäherung an einen Menschen, den man gleichzeitig vermisst und vor dem man sich schützen musste. Mit achtzehn Jahren verließ Arundhati ihre Mutter; nicht, weil sie sie nicht liebte, schreibt sie, sondern weil sie sie weiterhin lieben wollte! Dieser Gedanke ist für mich einer der stärksten des ganzen Buches: Manchmal braucht Liebe Abstand, um überhaupt bestehen zu können …
    Gerade diese Widersprüchlichkeit hat mich beim Lesen tief berührt, denn Roy versucht nicht, ihre Mutter nachträglich zu einer Heldin oder zu einem Monster zu machen. Mary Roy war nämlich beides – oder vielleicht keines von beidem? Sie war eine mutige, unbequeme Frau, die sich von ihrem alkoholkranken Mann trennte, ihre Kinder allein großzog, eine Schule gründete und vor dem höchsten indischen Gericht für die Rechte christlicher Frauen kämpfte; eine Frau also, die sich gegen patriarchale Strukturen stellte und anderen Frauen Mut machte. Und dieselbe Frau konnte ihre eigenen Kinder grausam behandeln … Diese Gleichzeitigkeit ist schwer auszuhalten, wobei besonders die Erinnerungen an die Gewalt gegen Arundhatis Bruder eindringlich sind. Während die Mutter ihn schlägt, beobachtet die kleine Arundhati das Geschehen durch das Schlüsselloch, doch später wird sie für ihr gutes Zeugnis gelobt. Und seitdem begleitet sie der Gedanke, dass ihr eigener Erfolg immer auf Kosten eines anderen gehen könnte: Ein Satz, der sich festsetzt wie ein Splitter unter der Haut!
    Überhaupt schreibt Roy über ihre Kindheit in Bildern, die lange nachwirken, so beschreibt sie sich als „wildes Kind mit Hornhaut an den Füßen“. Der Fluss wird zur Zuflucht, die Natur wird zu einem Ort, an dem niemand schreit, während die Mutter zu einer Landschaft wird, deren Wetter jederzeit umschlagen kann … Besonders stark finde ich das Bild von Arundhati als „Lunge“ ihrer Mutter: Während Mary Roy unter Asthma leidet, versucht die Tochter für sie zu atmen und wird so zum Organ der Mutter, zu einem Teil ihres Körpers, weshalb in diesem Bild die ganze Tragik ihrer Beziehung steckt: Die Tochter will retten und muss sich dafür selbst verlieren.
    Doch Roy schreibt nicht aus Rache und das macht dieses Buch so außergewöhnlich, denn sie urteilt erstaunlich wenig und verzichtet auf einfache psychologische Erklärungen, sondern lässt stattdessen die Widersprüche stehen. Vielleicht ist genau das die ehrlichste Form des Erinnerns?
    Im weiteren Verlauf wird das Buch größer, denn aus der Geschichte einer Mutter und einer Tochter wird die Geschichte einer Schriftstellerin, einer politischen Aktivistin und eines Landes. Roy erzählt von ihrem Weg von der Architektur zur Literatur, vom überwältigenden Erfolg von „Der Gott der kleinen Dinge“ bis zu ihrem politischen Engagement gegen Kastenwesen, Hindunationalismus und staatliche Gewalt. Dabei wird deutlich, dass die rebellische Frau, die sie geworden ist, auch ein Erbe ihrer Mutter trägt, denn Mary Roy lehrte sie, frei zu sein – und bekämpfte ihre Freiheit. Sie lehrte sie zu denken – und wütete gegen ihre Gedanken; sie lehrte sie zu schreiben – und konnte die Schriftstellerin, zu der ihre Tochter wurde, nicht ertragen!
    Am Ende erreicht Roy eine Nachricht ihrer sterbenden Mutter: Sie habe niemanden auf der Welt so geliebt wie ihre Tochter. Doch dies wirkte auf mich nicht wie ein großes versöhnliches Finale, sondern eher wie ein schmaler Lichtstreifen, der durch eine lange dunkle Geschichte fällt. So habe ich dieses Buch mit dem Gefühl beendet, einer Frau beim Versuch zugesehen zu haben, ihre Mutter nicht zu besiegen, sondern zu verstehen: Vergebung bedeutet hier nicht, das Geschehene ungeschehen zu machen … Vielleicht bedeutet sie nur, die Mutter dort stehen zu lassen, wo sie war: widersprüchlich, verletzend, mutig, groß, klein – und geliebt! „Meine Zuflucht und mein Sturm“ ist für mich deshalb vor allem ein Buch über eine Liebe, die nicht heil werden muss, um wahr zu sein; Roys Mutter ist tot, aber auf diesen Seiten lebt sie weiter – als Sturm, als Zuflucht, als Wunde und als Kraft. Eine wirklich empfehlenswerte Lektüre, die inmitten im „Sturm“ „Zuflucht“ bieten kann!

  • No Way Home von T.C. Boyle

    „No way home ….“: Alles beginnt mit Müdigkeit, denn Terry, Assistenzarzt in Los Angeles, hat Dienst, als seine Mutter stirbt; er ist unausgeschlafen, trinkt unterwegs einen lauwarmen Latte und funktioniert weiter, wie Menschen funktionieren, die sich daran gewöhnt haben, dass Erschöpfung kein Grund ist, stehen zu bleiben. Dann fährt er vier Stunden in die Wüste nach Boulder City, Nevada, um sich um das Haus seiner Mutter zu kümmern. Eigentlich will er es verkaufen und zurück nach Los Angeles – und eigentlich will er überhaupt nicht dort sein! Aber bei T. C. Boyle sind die Dinge selten so einfach … In Boulder City begegnet Terry nämlich Bethany, die gerade ihre Beziehung zu Jesse beendet hat und zunächst einmal irgendwo unterkommen muss. Sie zieht schließlich bei Terry ein, doch plötzlich ist Jesse wieder da: Lehrer, Rockmusiker, Möchte-gern-Autor, eifersüchtiger Exfreund und ein Mann, der seine Niederlagen mit erstaunlicher Hartnäckigkeit vor sich herträgt. „Sie ist Gift“, warnt er Terry, aber natürlich glaubt Terry ihm nicht.
    Ich habe beim Lesen oft gedacht, dass der meisterhafte T. C. Boyle seine Figuren nicht eigentlich zusammenführt, sondern aufeinander loslässt! Sie brauchen einander, aber sie können einander nichts geben, ohne zugleich etwas zu verlangen; und so wird Nähe schnell zu Besitz, Zuneigung zu Kontrolle, Sehnsucht zu Drohung. Und je länger man ihnen folgt, desto weniger weiß man, wem man eigentlich glauben soll. Gerade diese Ambivalenz hat mich in den Bann gezogen, was auch an der Konstruktion des Romans liegt, denn Boyle erzählt abwechselnd aus den Perspektiven von Terry, Bethany und Jesse. Ein und dieselbe Szene bekommt dadurch einen anderen Schatten, je nachdem, wer sie betrachtet: Was Terry für Vernunft hält, kann bei Jesse wie Arroganz wirken. Was Jesse als Leidenschaft empfindet, erscheint aus Terrys Sicht als Gefahr. Bethany wiederum bleibt zwischen diesen Wahrheiten und entzieht sich ihnen immer wieder. Diese wechselnden Blicke haben mir besonders gefallen, denn jeder lebt in seiner eigenen Version der Geschichte: Niemand hält sich selbst für den Bösewicht! Auch verletzende Handlungen beginnen im Inneren oft mit einem Bedürfnis, das zunächst beinahe harmlos klingt: Bleib bei mir … Sieh mich … Verlass mich nicht …
    T. C. Boyle lässt diese private Katastrophe in einer Landschaft stattfinden, die ihre eigene Sprache spricht: Boulder City, der Lake Mead, die Wüste, die langen Straßen – viel Raum und zugleich kein Ausweg. So steht Los Angeles mit seiner überfüllten Notaufnahme dem scheinbar ruhigeren Nevada gegenüber, doch ruhig ist hier nichts, denn unter der trockenen Oberfläche gärt es!
    Auch die amerikanische Gegenwart ist ständig anwesend, was ich besonders aktuell und beeindruckend finde: Jesse trägt seine Wut offen zur Schau, träumt von literarischer Bedeutung und arbeitet an einem Roman über den Hoover-Damm, während Terry versucht, sich an Fakten und Vernunft festzuhalten. Langsam wurde mir klar, dass zwischen ihnen nicht nur Bethany liegt, sondern ein ganzes Land: Stadt und Land, Aufstieg und Abstieg, Bildung und Ressentiment, der Wunsch nach einem besseren Leben und die Erfahrung, dass dieses Leben immer weiter zurückweicht!
    Am stärksten geblieben sind mir jedoch die kleinen Dinge: das Haus der toten Mutter, das plötzlich mit fremder Gegenwart gefüllt wird; Terrys Müdigkeit; Jesses Lederjacke und seine verletzte Eitelkeit; Bethanys Unentschlossenheit … und schließlich Daisy, die Hündin, die trauert, während Terry kaum weiß, was er mit seiner eigenen Trauer anfangen soll. Und so scheint der Hund die Gefühle der Menschen manchmal genauer zu verstehen als sie selbst.
    T. C. Boyle schreibt also über Menschen, die sich nach einem Zuhause sehnen und es gerade deshalb zerstören, sobald sie es finden: Vielleicht liegt darin der eigentliche Sinn des Titels? „No Way Home“ bedeutet nicht nur, dass es keinen Weg zurück gibt, sondern es bedeutet auch, dass niemand dieser drei weiß, wo dieses Zuhause überhaupt liegen könnte …
    So bleibt am Ende ein eigentümliches Gefühl zurück: die Wüste vor Augen, die Stadt im Rücken, drei Menschen, die einander festhalten und dabei immer weiter voneinander wegdriften. Mich hat dieser Roman bis zuletzt vor allem wegen dieser Unruhe gefesselt und beschäftigt, denn Boyle erzählt von der Sehnsucht nach Nähe, ohne sie zu verklären. Und vielleicht ist gerade das so verstörend: dass der Wunsch, nicht allein zu sein, manchmal der Anfang davon ist, einem anderen Menschen keinen Raum mehr zu lassen: „No way home!“

  • Die Harzreise von Heinrich Heine

    Sommerzeit ist Reisezeit und Lesezeit! Wer, wenn nicht Heinrich Heine, könnte uns da Wegbegleiter sein? „Auf die Berge will ich steigen, lachend auf Euch niederschauen.“ Schon in diesen wenigen Zeilen steckt beinahe der ganze Heine: Sehnsucht und Spott, Natur und Gesellschaft, Aufbruch und Überlegenheit. Seine „Harzreise“ ist auf den ersten Blick ein Reisebericht, doch beim Lesen merkt man schnell, dass Heinrich Heine eigentlich etwas anderes sucht als Gipfel, Wälder und Sehenswürdigkeiten, er sucht Abstand – von der Universität, von der Gesellschaft, von den starren Denkweisen seiner Zeit und vielleicht auch von sich selbst.
    Was mich an diesem Buch besonders fasziniert, ist seine erstaunliche Lebendigkeit, denn fast zweihundert Jahre liegen zwischen Heines Wanderung und unserer Gegenwart, und trotzdem wirkt dieser junge Mann, der mit Tornister und Wanderstock aus Göttingen aufbricht, erstaunlich vertraut. Man kann seine Erschöpfung beinahe körperlich spüren, seine Freude über die frische Morgenluft, seine Begeisterung für Wälder, Felsen und Bäche, vallem aber erkennt man in ihm einen Menschen, der genug hat von der Welt, wie sie ihm vorgesetzt wird: Er möchte hinaus, er möchte wieder atmen!
    Und tatsächlich scheint mit jedem Schritt, den Heinrich Heine von Göttingen fortgeht, ein wenig akademischer Staub von ihm abzufallen, während die Universität ihm als graue Welt aus Paragraphen, Professoren und trockenen Systemen erscheint. Heine begegnet dieser Welt nicht mit einer schweren politischen Abhandlung, sondern mit Spott, denn er lächelt, und gerade dieses Lächeln ist schärfer als jede Anklage! Seine Ironie hat dabei etwas Befreiendes, da man seine Seiten liest und sich immer wieder dabei ertappt, wie man mit ihm gemeinsam über die Selbstgewissheit der Gelehrten, die Engstirnigkeit der Philister oder die grotesken Rituale des deutschen Bildungsbürgertums schmunzelt …
    Doch Heine wäre nicht Heine, wenn er bei der Satire stehen bliebe – und kaum hat er jemanden genüsslich zerlegt, verwandelt sich sein Ton: Plötzlich wird aus dem Spötter ein Träumer. Die Natur beginnt zu sprechen, Bäche werden zu Mädchen, Wälder zu Meeren, der Brocken zu einem märchenhaften Ort zwischen Himmel und Erde. Besonders die Beschreibung der Ilse hat mich berührt: Das Wasser stürzt und schäumt, als hätte es selbst Lebensfreude im Leib – und so wird in solchen Momenten die Landschaft nicht bloß beschrieben – sie wird beseelt.
    Gerade dieses Nebeneinander macht die „Harzreise“ so besonders, denn Heinrich Heine glaubt weder an eine Welt, die sich vollständig vermessen und erklären lässt, noch an eine romantische Flucht ins reine Gefühl: Er hält beides nebeneinander aus und verspottet die trockene Vernunft und verspottet zugleich die kitschige Schwärmerei. Er kann über Blumen philosophieren und sie im nächsten Augenblick nach ihren Staubfäden klassifizieren lassen. Er ist romantisch – und misstraut der Romantik. Er ist politisch – ohne zum politischen Prediger zu werden. Er ist sentimental – und beobachtet seine eigene Sentimentalität dabei mit einem ironischen Augenzwinkern!
    Vielleicht liegt darin die eigentliche Modernität dieses Buches. Heine schreibt nicht von oben herab über seine Reise. Er lässt uns an seinem Denken teilhaben, an seinen Widersprüchen, Stimmungen und plötzlichen Einfällen. Die „Harzreise“ ist deshalb weniger eine Landkarte des Harzes als eine Landkarte des eigenen Inneren. Die Berge sind Landschaft und Seelenraum zugleich.
    Besonders eindrücklich finde ich Heines Kritik an einer Welt, die alles nur noch nach Nutzen, Zweck und Vernunft beurteilen möchte. Seine Frage ist im Grunde bis heute aktuell: Was bleibt von unserem Leben übrig, wenn wir alles erklären können, aber nichts mehr bestaunen? Heine verteidigt die Fantasie gegen die völlige Vermessung der Welt, denn seine Bäume dürfen grün sein, ohne einen wissenschaftlichen Zweck erfüllen zu müssen. Seine Blumen dürfen schön sein, ohne in ein botanisches System gezwängt zu werden.
    So ist die „Harzreise“ für mich ein Buch über das Losgehen, über den Moment, in dem man eine vertraute, aber enge Welt hinter sich lässt und noch nicht weiß, was hinter dem nächsten Berg wartet; vielleicht ist das der Grund, warum dieser alte Reisebericht noch immer so frisch wirkt. Heine erinnert uns daran, dass Wandern nicht nur bedeutet, einen Weg zurückzulegen; manchmal muss man sich erst entfernen, um wieder bei sich selbst anzukommen. Die „Harzreise“ ist witzig, zärtlich, übermütig, bissig und manchmal wunderbar widersprüchlich, vor allem aber ist sie frei. Und genau diese Freiheit trägt Heines Sprache noch heute über die Berge hinweg …

  • Herbstgeschichte von Sten Nadolny

    Sten Nadolnys „Herbstgeschichte“ ist ein ungewöhnlicher Roman und besonders die Protagonistin Marietta ist mir nach diesem Roman geblieben: nicht wegen ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit, sich jedes Gesicht zu merken, sondern wegen ihrer Einsamkeit. Wegen dieser jungen Frau, die so viel gesehen und erlebt hat und der gerade ihr außergewöhnliches Gedächtnis zum Verhängnis wird. Je weiter ich gelesen habe, desto weniger konnte ich sie als reine Romanfigur betrachten, denn ihre Verletzlichkeit hat mich berührt, manchmal sogar bedrückt.
    Die Geschichte springt zwischen verschiedenen Zeiten und Perspektiven, Figuren begegnen sich wieder, verschwinden und tauchen Jahre später erneut auf – und dazu kommt ein Erzähler, der selbst Teil der Geschichte wird. Manchmal musste ich mich beim Lesen neu orientieren, doch gerade dieses kunstvolle Spiel mit Erzählungen hat mich zunehmend fasziniert. Alles beginnt 1998 in einem Zug nach Zürich, in dem Michael, ein Schriftsteller, und Bruno, Schauspieler und Theatermacher, nach Jahren wieder aufeinander treffen. Ihre Freundschaft ist abgekühlt, aber dann setzt sich eine junge Frau zu ihnen: Marietta. Sie wirkt wunderschön, aber gleichzeitig unruhig und verletzlich, als wäre sie auf der Flucht vor etwas; beiden Männer fühlen sich sofort zu ihr hingezogen.
    Marietta besitzt eine außergewöhnliche Begabung: Sie ist eine sogenannte Super-Recognizerin und kann sich Gesichter fotografisch genau merken – auch nach Jahrzehnten. Was zunächst wie ein Geschenk erscheint, wird für sie zum Fluch, denn auch die Bilder ihrer traumatischen Vergangenheit kann sie nicht vergessen.
    Das ist der Teil des Romans, der mich am stärksten berührt hat: Marietta wird als Kind missbraucht, leidet unter Panikattacken und Krankheiten, gerät in die Fänge einer Sekte und wird schließlich pflegebedürftig. Sie sitzt im Rollstuhl, verliert ein Auge und ist auf staatliche Unterstützung angewiesen. Besonders bedrückend fand ich, dass sie ihre Selbstständigkeit beinahe verstecken muss: Wird sie gesünder und unabhängiger, droht sie die dringend benötigte Hilfe zu verlieren. Marietta muss also ständig ein Bild erfüllen, das andere von ihr haben …
    Darin steckt für mich einer der stärksten Gedanken des Romans: Wie sehr bestimmen die Vorstellungen anderer unser eigenes Leben? Michael sieht in Marietta vor allem die verletzte, hilfsbedürftige Frau, wobei er sich jahrelang um sie kümmert, ihr bei Behörden hilft, bei Arztterminen und im Alltag; zwar ist seine Fürsorge aufrichtig, doch vielleicht hält auch sie Marietta unbewusst in dieser Rolle fest. Bruno dagegen sieht in ihr etwas anderes: nicht nur ihre Zerbrechlichkeit, sondern auch ihre Kraft. – Und dieser andere Blick verändert schließlich Mariettas Leben.
    Sten Nadolny erzählt diese Geschichte nicht geradlinig, sondern lässt Titus, einen ehemaligen Schulfreund von Michael und Bruno, als erfundenen Autor auftreten und erzählt wiederum deren Geschichte. Er verarbeitet Michaels Aufzeichnungen zu einem Roman, während am Ende sogar der „wirkliche“ Autor Sten Nadolny in die Geschichte eintritt. Dieses Vexierspiel aus Wahrheit, Erinnerung und Erfindung hat mich beeindruckt! Gleichzeitig ist „Herbstgeschichte“ aber auch ein Roman über das Älterwerden, denn die drei Männer blicken auf ein langes Leben zurück: Freundschaften haben sich verändert, Beziehungen sind zerbrochen, berufliche Erfolge verblassen. Sten Nadolny erzählt vom Verlust und von den kleinen Demütigungen des Alters, aber auch mit feinem Humor; gerade diese Mischung aus Melancholie und Ironie empfand ich als sehr gelungen.
    „Herbstgeschichte“ ist kein leichtes Buch, aber sicherlich eines, das zum Nachdenken anregt: über die Bilder, die wir von anderen Menschen haben, über Einsamkeit und Fürsorge, über das Älterwerden und darüber, wie schwer es manchmal ist, jemanden wirklich zu sehen. Und Marietta? Sie ist mir geblieben – als leises, melancholisches Bild einer verletzlichen Frau, die trotz allem immer wieder versucht, ihren eigenen Weg zurück ins Leben zu finden. Nun, da der Sommer langsam zu Ende geht, ist die „Herbstgeschichte“ besonders geeignet, sich auf den Jahreszeitenwechsel einzustellen …

  • Essen von Alina Bronsky

    Manchmal reicht ein Geschmack, und die Vergangenheit ist wieder da: Ein Stück Schokolade, eine bestimmte Torte, der Geruch von Butter in einer heißen Pfanne – und plötzlich erinnert sich der Körper schneller als der Kopf: An einen Küchentisch, an eine Großmutter, an ein Land, das vielleicht gar nicht mehr existiert, oder an eine Zeit, die man längst hinter sich gelassen glaubte. Alina Bronskys „Essen“ ist ein Buch über genau solche Augenblicke: über das, was auf dem Teller liegt, und über alles, was darunter verborgen ist!
    Alina Bronsky schreibt über Porridge und Butterbrot, Borschtsch und Vogelmilchtorte, über Kaffee mit einer Messerspitze Salz und über Gerichte, die man liebt, obwohl man sie vielleicht gar nicht mehr zubereiten möchte. Zwölf Kapitel ergeben eine Art kulinarische Kurzautobiografie, in der Rezepte und Erinnerungen ineinanderfließen, wobei sich die Autorin für das Essen weniger als Kochkunst denn als Lebensstoff interessiert: Was wir essen, erzählt, woher wir kommen, wer uns geprägt hat und manchmal auch, von wem wir uns gerade lösen wollen.
    Das Schöne an diesem Buch ist seine Unsentimentalität, denn Alina Bronsky verklärt ihre Vergangenheit nicht. Sie kommt ursprünglich aus Jekaterinburg und wuchs später in Deutschland auf – zwei kulinarische Welten, die sich in ihren Erinnerungen begegnen, reiben und gelegentlich widersprechen. Der Borschtsch wird dabei nicht zum nostalgischen Denkmal einer verlorenen Heimat … Im Gegenteil: Die Autorin kann sehr nüchtern über das Kochen sprechen und gesteht sogar, dass sie damit vor allem deshalb begann, weil Kinder nun einmal essen müssen. Das ist typisch für ihren Ton: Wo andere in der Erinnerung versinken würden, zieht sie lieber eine Augenbraue hoch. Gerade dadurch entsteht Nähe, denn Alina Bronsky schreibt nicht, als wolle sie uns ihre Vergangenheit schmackhaft machen. Sie stellt sie auf den Tisch und lässt uns selbst probieren …
    Essen ist bei ihr Fürsorge und Macht, Liebe und Erpressung, Trost und Zumutung. Wer jemanden füttert, kann ihn ebenso gut verwöhnen wie kontrollieren … Wer ein bestimmtes Gericht kocht, erzählt damit eine Familiengeschichte, ohne ein Wort darüber verlieren zu müssen. In einer besonders schönen Bewegung wird aus der Napoleon-Torte sogar eine kleine Schreibschule: Die vielen Schichten des Blätterteigs erinnern Alina Bronsky an die Schichten menschlicher Abgründe; so liegen Literatur und Küche plötzlich näher beieinander, als man gedacht hätte.
    Dabei besitzt „Essen“ eine angenehme Widerborstigkeit, denn Alina Bronsky möchte niemandem gefallen, schon gar nicht dem gegenwärtigen kulinarischen Zeitgeist. Ihr Buch hat nichts von der auf Hochglanz polierten Kochwelt sozialer Medien, in der jedes Gericht perfekt angerichtet und jeder Bissen mit einem bedeutungsvollen „Hmm!“ kommentiert wird. Nein, in ihrem Büchlein darf Essen unerquicklich sein; es darf nerven, enttäuschen, fremd sein, sogar schmerzen. Und vielleicht ist das die eigentliche Stärke dieses Buches: Es macht nämlich aus Essen kein Lifestyle-Thema, sondern eine Sprache, die wir alle sprechen, auch wenn wir über sie kaum nachdenken. Wir essen, bevor wir wissen, was Essen für uns bedeutet. Und manchmal begreifen wir erst Jahre später, warum ein bestimmter Geschmack plötzlich eine ganze Landschaft in uns öffnet …
    Alina Bronskys Prosa ist dabei präzise, trocken und voller feiner Spitzen, denn sie weiß, wann ein Satz eine Prise Salz braucht – und wann besser gar nichts hinzugefügt werden sollte. Zwischen Russland und Deutschland, Kindheit und Gegenwart, Hunger und Sättigung entsteht so ein Buch, das weniger nach Rezeptbuch als nach Erinnerung schmeckt. Am Ende bleibt nicht unbedingt der Wunsch, eines von Alina Bronskys Gerichten nachzukochen, sondern man beginnt eher, über das eigene Essen nachzudenken, über die Speisen, die man vergessen glaubte, über Gerichte, die nach bestimmten Menschen schmecken – und über jene seltenen Geschmacksmomente, in denen die Vergangenheit für einen kurzen Augenblick wieder auf der Zunge liegt. Und dann ist sie schon wieder verschwunden, aber etwas von ihr bleibt …

  • Abschied von Sebastian Haffner

    Schon auf den ersten Seiten von Sebastian Haffners „Abschied“ hat mich die besondere Spannung zwischen Leichtigkeit und Verlust beschäftigt: Die Handlung führt in das Paris des Jahres 1932, in eine Welt aus Cafés, Gesprächen, Begegnungen und jugendlicher Unbeschwertheit, doch über dieser scheinbar sorglosen Gegenwart liegt für mich von Beginn an ein Wissen, das die Figuren selbst nicht haben: Diese Zeit wird nicht bleiben … Gerade dieser Gegensatz hat meine Lektüre geprägt und, während Raimund und Teddy ihre gemeinsame Zeit erleben, habe ich jeden Augenblick zugleich als gegenwärtig und bereits vergangen wahrgenommen. Ich wusste, dass sich die politische und gesellschaftliche Wirklichkeit bald grundlegend verändern würde. Und trotzdem – oder gerade deshalb – wollte ich mich auf diese Gegenwart einlassen. Sebastian Haffner gelingt es nämlich, die Geschichte nicht als großes historisches Ereignis in den Vordergrund zu stellen, sondern sie im Hintergrund spürbar werden zu lassen.
    Paris erscheint dabei nicht einfach als Schauplatz, sondern als Lebensgefühl: schnell, offen, voller Möglichkeiten; beim Lesen konnte ich mich dieser Atmosphäre kaum entziehen, denn die Straßen, Cafés und Gespräche wirkten so unmittelbar, dass mir die zeitliche Distanz zunehmend unwichtig wurde. Gleichzeitig blieb das Gefühl bestehen, dass diese Leichtigkeit etwas Vorläufiges hat … Genau diese Spannung zwischen Nähe und Vergänglichkeit hat mich an dem Roman besonders fasziniert!
    Besonders nahegekommen ist mir Raimund, der Ich-Erzähler, aber er ist nicht unbedingt eine Figur, die man sofort sympathisch finden muss. Gerade seine Unsicherheit und Verlorenheit haben mich jedoch berührt, denn eine Mischung aus jugendlicher Selbstüberschätzung, Sehnsucht und Angst vor dem Verlust wirkt erstaunlich zeitlos. Seine Eifersucht auf Teddy konnte ich beim Lesen fast körperlich nachvollziehen: dieses ständige Grübeln, die Unruhe und der verzweifelte Wunsch, einen schönen Moment festhalten zu können. Dabei ist Teddy für mich die faszinierendste Figur des Romans, denn sie bleibt schwer greifbar und entzieht sich jeder eindeutigen Erklärung. Während des Lesens hatte ich oft den Eindruck, dass sie für Raimund nicht nur eine Frau, sondern zugleich ein Versprechen von Freiheit und Möglichkeiten verkörpert – und gerade weil sie sich nicht festlegen lässt, wird seine Liebe zu ihr so intensiv. Immer wenn ich glaubte, sie verstanden zu haben, entzog sie sich wieder!
    Am stärksten beschäftigt hat mich jedoch das Gefühl, dass diese Leichtigkeit jederzeit enden könnte … Immer wieder hatte ich beim Lesen den Eindruck, dass in jedem Augenblick ein unausgesprochenes „noch“ steckt: Noch ist alles möglich, noch ist nichts entschieden, noch gehört diese Zeit ihnen. Dieses Bewusstsein hat die Liebesgeschichte für mich verändert, denn zwar konnte ich die schönen Momente genießen, aber gleichzeitig musste ich spüren, wie zerbrechlich sie sind. Wie leicht lässt man sich von der Atmosphäre, der Jugendlichkeit und der Eleganz der Szenen mitreißen, obwohl man als heutiger Leser weiß, was auf diese Zeit folgen wird … Gerade diese Spannung macht den Roman so eindringlich; die Zukunft wird nicht erklärt oder angekündigt; sie liegt nur als Schatten unter der Gegenwart.
    Auch sprachlich hat mich „Abschied“ überrascht, die Sätze wirken oft bewegt, spontan und beinahe atemlos, und dadurch hatte ich manchmal das Gefühl, Raimund nicht einfach beim Erzählen zuzuhören, sondern ihm direkt beim Denken zuzusehen. Die Sprache hält die Unruhe und Intensität seiner Wahrnehmung fest und macht seine Gefühle für mich unmittelbar nachvollziehbar.
    Am stärksten geblieben ist mir die Abschiedsszene am Bahnhof; denn ich habe sie nicht nur gelesen, sondern regelrecht mitgefühlt: Die gedehnte Zeit, das Wissen um die Unumkehrbarkeit und die Verbindung von Glück und Schmerz haben mich sehr berührt. Danach musste ich kurz innehalten, weil nichts Spektakuläres geschieht, wirkt die Szene so stark: Man spürt, wie nah Freude und Verlust beieinanderliegen.
    Wenn ich „Abschied“ heute zuklappe, bleibt vor allem ein Nachhall, denn der Roman hat bei mir die Frage hinterlassen, wie viel von dem, was wir gerade als selbstverständlich erleben, vielleicht schon im Verschwinden begriffen ist. Für mich erzählt das Buch deshalb nicht nur von 1932, sondern von jedem gegenwärtigen Moment, der sich noch wie Zukunft anfühlt und im selben Augenblick schon Vergangenheit wird. Genau darin liegt für mich seine besondere Wirkung: „Abschied“ ist keine nostalgische Rückschau, sondern eine Einladung, die eigene Gegenwart bewusster wahrzunehmen – solange sie noch da ist. Eine wunderbare Sommerlektüre!