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Florian stürzt sich als leidenschaftlicher Leser in die Lektüre aller Formen von Unterhaltungsliteratur - vom Historischen Roman über den Krimi bis hin zum Thriller. Er berät sie gerne in allen Fragen rund um aktuelle Neuerscheinungen, aber auch Klassiker des Unterhaltungsgenres.
Der diesjährige International Booker Prize ging zu gleichen Teilen an die Schriftstellerin Yang Shuang-Zi und die Übersetzerin Lin King. Ein würdigeres Buch hätte man auf der Shortlist nicht finden können, geht es doch in diesem Roman um eine japanische Schriftstellerin, die in den 1930er Jahren ins von Japan besetzte Taiwan reist, und ihre lokale Übersetzerin. Gemeinsam erkunden sie nicht nur Küche und Kultur der Insel, sondern auch die Art ihrer Beziehung. Besonderes Augenmerk liegt einerseits auf den Eigenheiten der Küche (die Schriftstellerin im Buch ist ein wissbegieriger Gourmet) und der Sprache Taiwans, andererseits auf der Überheblichkeit der Kolonialherren und ihrem Umgang mit den Bewohnern der Insel. Somit legt Yang Shuang-Zi eine kolonialkritische Geschichte im Gewand eines queeren Liebesromans vor - ein ungewöhnlicher Genuss!
Isländische Familiengeheimnisse sind die besten, und am allerbesten werden sie, wenn sie von Eva Björg Aegisdottir erzählt werden. Marsibil kehrt zum zehnten Jahrestag des Verschwindens ihrer Schwester Stina in ihr Heimatdorf zurück. Dort beschließt sie, sich noch einmal mit dem Fall genauer zu beschäftigen, und je weiter sie gräbt, desto erschreckender wird das Bild, das sich abzeichnet. Aber war es wirklich so, wie sie es sich zusammengereimt hat, oder sitzt sie nur einer falschen Fährte auf? Bis zum Knalleffekt am Schluss führt uns die Autorin geschickt an der Nase herum und sorgt für raffinierte Spannung - Psychothriller ist es allerdings trotz der Verlagsankündigung keiner, eher ein raffiniertes Noir Kammerspiel!
Hannah Lillith Assadi, Tochter einer jüdischen Mutter und eines palästinensischen Vaters, lebt und arbeitet in Amerika. Ihr neuer Roman befasst sich mit der Geschichte ihres Vaters (im Buch Sufien) und setzt 1948 mit dem Ausbruch des Palästina Krieges ein. Die Mutter flüchtet mit ihren Kindern nach Syrien und später nach Kuweit, während der Vater an der Front kämpft. Der acht-jährige Sufien ist als ältester Sohn die rechte Hand der Mutter und kümmert sich bis zur Rückkehr des Vaters um die Versorgung der Familie. Nach der Schule in Kuweit erhält er ein Studentenvisum für Italien, wo er sich in Florenz als Marktverkäufer durchschlägt. Dort trifft er auf Bernardo, einen reichen Amerikaner, der seiner Privilegien überdrüssig ist und sich mit Sufien anfreundet. Später werden sie gemeinsam nach Amerika reisen, wo Sufien zunächst in New York eine neue Heimat findet. Liebevoll führt uns Hannah Lillith Assadi durch das verschlungene Leben ihres Vaters bis zu seinem Krebstod. Einerseits werden wir Zeugen einer Geschichte von Elend, Flucht und Vertreibung, andererseits erleben wir aber auch Zuneigung, Hilfe und Liebe von oft unerwarteter Seite. Ein berührendes Buch über ein Leben im Exil, das einem zumindest ein paar Einblicke in den Palästinenserkonflikt gewährt - unbedingte Empfehlung!
Qianze, Tochter chinesischer Auswanderer, hat einen guten Job im amerikanischen Finanzsektor und lebt ein unspektakuläres Leben. Eines Tages erhält sie einen Anruf, der ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellen wird. Ihr Vater, der vor elf Jahren spurlos verschwunden ist, steht plötzlich vor der Tür, verwahrlost, alkoholkrank, desorientiert. Doch nicht nur das Auftauchen dieses Mannes bringt sie aus dem Konzept, sie wird auch von Träumen und Visionen heimgesucht, in denen sie immer vom selben Monster verfolgt wird. Auch der Vater kämpft mit den Dämonen seiner Vergangenheit, denen er einerseits entfliehen möchte, andererseits aber auch auf den Grund gehen will. Immer tiefer versinkt er in den Erinnerungen an seine Jugend im China der Kulturrevolution und an die Erzählungen seiner Mutter, die während der japanischen Besatzung zur Prostitution gezwungen wurde.
Alice Evelyn Yang beschreibt eindringlich die Traumata, die Krieg und Revolution auslösen und von Generation zu Generation weitergegeben werden - großes Panorama einer grausamen Epoche!
Misty lebt mit ihrem Vater und ihrer Schwester am Stadtrand von Belfast. Sie träumt von einer Karriere als Makeup Artist und finanziert sich die Ausbildung mit einem Job in einem Hotel. Ihre Haupteinnahmequelle sind allerdings die "Benefactors" (Wohltäter), die für ihre Camgirlauftritte bezahlen. Bei einer Party wird sie von dreien ihrer vermeintlichen Freunde aus der Upperclass sexuell missbraucht. Dies ist die Ausgangslage für Wendy Erskines Romanerstling, in dem sie minutiös beschreibt, wie die Angehörigen unterschiedlicher sozialer Klassen mit Problemen umgehen. Besonders gut arbeitet sie den Unterschied zwischen den jugendlichen Betroffenen und den Erwachsenen heraus, die auf verschiedenste Arten versuchen, ihrer Beschützerrolle gerecht zu werden. Die Geschichte wird abwechselnd aus den Perspektiven der Protagonist*innen erzählt, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her wechseln, so dass man am Ende ein sehr gutes Bild über die komplizierten familiären Verhältnisse erhält. Ergänzend werden Kommentare zum Geschehen von nicht näher definierten Bewohner*innen Belfasts eingestreut, die die Stimmungslage in der Gesellschaft verdeutlichen. Eine komplexe Aufarbeitung eines Themas von brennender Aktualität.
Der Kampa Verlag setzt seine Ausgabe der Werke Olga Tokarczuks fort und ließ diesen Erzählband aus dem Jahr 2001 neu übersetzen (einzelne Erzählungen wurden bereits 2006 in anderer Übersetzung auf deutsch veröffentlicht). Das Buch umfasst 19 Erzählungen zu den unterschiedlichsten Themen. Egal ob historisch, phantastisch, melancholisch oder witzig - jede dieser Geschichten eröffnet einen eigenen Kosmos und sprüht vor Erfindungsgeist und Originalität. Besonderes Lob gebührt den beiden Übersetzer*innen, die der großartigen Stilistin Olga Tokarczuk vollauf gerecht werden. Eine wahre Fundgrube für Liebhaber*innen der kleinen Form!
Noah ist 14, als in seiner Heimat das Kalifat ausgerufen wird. Seine ganze Leidenschaft gilt den Tauben, die er auf dem Dach züchtet. Er kennt alle beim Namen, weiß um ihre Eigenheiten und findet die richtigen Partner für einzelne Tiere. Als die Mudschahedin die Macht übernehmen, ändert sich schlagartig das gesamte Alltagsleben. Alles Westliche muss verbrannt werden, sämtliche Freiheiten werden eingeschränkt, die Strafen sind drakonisch. Noah flüchtet immer öfter aufs Dach, wo er das freie Leben der Tauben neidvoll beobachtet. Trost findet er auch bei seinem unkonventionellen Onkel, dessen Bibliothek so manches Geheimnis birgt, doch bald geraten auch diese kleinen Freuden in Gefahr. Der in Bagdad geborene deutsche Schriftsteller Abbas Khider behandelt dieses schwere Thema mit großer Leichtigkeit und feinem Humor, er wirft seinen analytischen Blick sozusagen aus der Vogelperspektive auf die gesellschaftlichen Verwerfungen, die aus dem politischen Umbruch resultieren. Erfrischender Zugang zu einem dunklen Kapitel der Geschichte!
Eine Frau erhält einen Anruf. Ein Toter wurde am Strand von Le Havre gefunden. In seiner Jackentasche fand man ein Kinoticket, auf dessen Rückseite ihre Telefonnummer notiert war. Daraufhin kehrt sie nach langem in die Stadt zurück, in der sie aufgewachsen ist. Dort lauern die Geister der Vergangenheit, praktisch jede Straße birgt eine Erinnerung, doch haben sich die Dinge wirklich so zugetragen, wie sie langsam und verschwommen wieder auftauchen? Könnte der Tote wirklich der sein, der immer wieder vor ihrem geistigen Auge auftaucht? Maylis de Karangal führt die Leser*innen durch die Straßen der Stadt, erzählt von ihrer Geschichte und beschreibt die dramatische Küste. All dies prägte die Protagonistin, die durch ihre Rückkehr so aufgewühlt ist wie die See - eine dramatische Reise mit offenem Ausgang!
Der Protagonist in Ben Lerners neuem Roman soll ein Abschiedsinterview mit seinem nun 90-jährigen Mentor führen. Er reist an die amerikanische Ostküste, um Thomas zu treffen, der mit den avantgardistischen Kunst- und Geistesgrößen des 20.Jahrhunderts befreundet war und an amerikanischen Universitäten geforscht und gelehrt hat. Knapp bevor er das Interview führt, fällt sein Handy ins Waschbecken, wodurch eine Aufnahme unmöglich wird, doch behält er das Missgeschick für sich und tut so, als ob alles funktionieren würde. Die Folgen dieser Lüge sind zu diesem Zeitpunkt für ihn nicht absehbar....
Ben Lerner legt mit "Transkription" einen klugen Roman über bedingungslose Heldenverehrung, schwierige Vater - Sohn - Beziehungen und die Fallstricke der modernen Technik vor - eine kurzweilige Lektüre voller Überraschungen!
Monk hat es nicht leicht. Seine hyperintellektuellen Texte finden keine Leser*innen, der Agent macht Druck, die Mutter hat Alzheimer, der Bruder hat sich gerade geoutet und muss nun Frau und Kinder verlassen, und die Schwester wird von militanten Abtreibungsgegnern erschossen. Als Draufgabe stürmt ein Trash Roman einer schwarzen Autorin gerade die Bestsellerlisten, was ihn noch mehr in Bedrängnis bringt, weil seine Bücher angeblich nicht schwarz genug sind. Er beschließt unter Pseudonym ein Buch zu verfassen, das alle schwarzen Klischees übererfüllt. Er ahnt noch nicht, welche Auswirkungen dieser Roman auf sein weiteres Leben haben wird...
Everetts Buch ist schon etwas mehr als zwanzig Jahre alt, man muss also ein paar Abstriche die Aktualität betreffend machen, doch ist es immer noch ein hervorragender Mix aus Familiendrama und bissiger Satire auf den Literaturbetrieb. Besonders interessant ist die Montagetechnik, denn es werden immer wieder Teile aus Vorträgen, Ideenskizzen und einige Kapitel des Romans eingeflochten, wobei man einschränkend erwähnen muss, dass die volle Härte des Slangs nur im englischen Original erfahrbar wird. Trotz allem bereitet die Lektüre viel Vergnügen - absolut lesenswert!