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Gerade für Sie gelesen

  • Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck empfiehlt:

    Maxie ist Buchhändlerin in unserer Tyrolia-Filiale in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck. Ihre Spezialität sind Kochbücher - aber in ihrer Freizeit verschlingt sie alle möglichen Bücher, von Romanen bis zu den spannendsten Thrillern.

  • Das Geschenk des Meeres von Julia R. Kelly

    „Was vergessen war, kehrt zurück, wenn das Meer bereit ist.“

    Wenn der Sturm kommt, stiehlt er so einiges aus dem kleinen Fischerdorf Skerry, das sich an die schottische Küste klammert. Er nimmt Dachschindeln und Schade, er fällt Bäume und er zerschmettert die Boote an den Felsen.
    „Doch er bringt auch etwas, das Joseph finden wird, wenn er im wässrigen Licht des anbrechenden Tages zum Strand geht, um nach seinem Boot zu sehen. Ein Geschenk.“

    Die Bewohner von Skerry trauen ihren Augen nicht, als sie sehen, was der Fischer Joseph da vom Strand heraufbringt. Es ist ein kleiner Junge, der Körper schlaff, die Haut grau, er ist tropfnass, fast ertrunken, aber er lebt.
    Und er sieht auf fatale Weise aus wie Moses, der Sohn von Dorothy, der vor Jahren am Meer verschwunden ist.
    Ausgerechnet sie nimmt den Jungen bei sich auf, und auch wenn sie weiß, dass das Meer die Ertrunkenen nicht zurückgibt, ist doch allen in Skerry klar, dass Dorothy wider aller Vernunft hofft, der Junge könnte ihr Sohn Moses sein.

    Julia R. Kelly lässt ihre Geschichte auf zwei Zeitebenen spielen: Im „Jetzt“, sprich im Jahre 1900, und im „Damals“, etliche Jahre zuvor.
    Das „Damals“ war die Zeit, in der die junge Dorothy nach Skerry kommt, um dort ihre Stelle als Lehrerin anzutreten. Zeit ihres Lebens wird sie „die Fremde, die aus der Stadt“ bleiben, die anderen Frauen begegnen ihr mit Geringschätzung und Spott.
    Einzig der schüchterne Fischer Joseph tritt ihr gegenüber freundlich auf; es entwickelt sich eine vorsichtige Freundschaft, und schon bald ist da mehr.
    Als Leserin wünscht man den beiden von Herzen, dass sie zueinander finden, aber die Umstände lassen diese Liebe nicht zu.
    So viele Dinge bleiben ungesagt, falscher Stolz und falsches Ehrgefühl spielen eine Rolle, und eine schreckliche Intrige, die mehr als nur ein Leben zerstören wird, nimmt ihren Lauf.
    Was hier so unwirklich beginnt, entwickelt sich zu einer leisen und eindringlichen Geschichte über Trauer und Schuld, über lange Verdrängtes, das irgendwann doch wieder nach oben gespült wird.
    „Das Geschenk des Meeres“ ist ein atmosphärisches, berührendes Buch über Verlust und verpasste Chancen – und über die leise Hoffnung, dass nicht alles für immer verloren ist.
    Für mich einer der schönsten Romane in der letzten Zeit!

  • Wild wuchern von Katharina Köller

    Meine „Gebrauchsanweisung“ für dieses Buch, jedenfalls habe ich es so gemacht:
    Beim ersten Lesen wird man durch die Seiten getrieben, geradezu gehetzt von der Wucht dieser Geschichte und von der Wucht der Wörter, es bleibt einem kaum Zeit zum Atmen.
    Dann ein zweites Mal lesen, und bei diesem zweiten Mal kann man sich durch die Geschichte treiben lassen und ganz in Ruhe über jeden einzelnen Satz staunen, jedes Wort dieser eigenwilligen, schlichten und sensationell schönen Sprache genießen.

    Und sich dann denken, Wahnsinn, wie jemand so schreiben kann.

  • Entzug von Christoph Peters

    „Wer weiß schon, warum es auf einmal kippt, nachdem es über Jahre, Jahrzehnte immer Auswege gab, gegeben hätte, die ich jedoch nicht genommen habe, weil ich, seit ich sechzehn bin, ohne zu trinken nicht schreiben, nicht zeichnen, nicht denken kann. Ohne zu trinken bin ich tot, fühllos, ein Nichts und ein Niemand.“

    Der Schriftsteller Christoph Peters ist am Tiefpunkt seiner Karriere, am Tiefpunkt seines Lebens angelangt.
    Etwa ein Liter Schnaps und dazu ein bis zwei Flaschen Wein, das ist die Menge, die er täglich konsumiert, das ist die Menge, die das fatale Gemisch aus Leere und Nacht in seinem Kopf zuverlässig ausgleicht. Das ist die Menge, die er braucht, um das ständige Zittern seiner Hände zu unterdrücken.
    Das Zeitfenster, in dem er arbeitsfähig ist, ist zu klein, um den Roman, an dem er gerade sitzt, weiterzuschreiben. In diesem desaströsen Zustand, in dem er sich befindet, wird er diesen Roman nie fertig bekommen, das weiß er genau, „wenn ich trinke, geht es nicht, wenn ich nicht trinke, geht es auch nicht.“ Aber was soll er seiner Frau, seiner Agentin, seinem Verleger sagen, was sagt er seinem kleinen Mädchen?
    Seine Frau weiß, dass er trinkt, aber wie viel es wirklich ist und dass es dazu keine Alternative gibt, weiß sie nicht, nicht einmal annähernd. Sie sieht höchstens die Hälfte der Mengen, die ihr Mann benötigt – und wenn ihr das klar wäre, würde sie sofort ihre Sachen packen, ihre und die des Kindes, und würde gehen.
    All das weiß Peters, und womöglich heute Nachmittag oder übermorgen oder spätestens nächste Woche wird er sein Scheitern eingestehen, wird er sich in eine Klinik einweisen lassen, wird er das Trinken beenden.

    Der erste Teil von Christoph Peters autobiographischem Roman ist übertitelt mit „Trinken“, und es ist nur schwer auszuhalten, wie er sich seine Sucht schönredet, wie er sie vor seinen Mitmenschen, aber auch vor sich selbst zu verstecken versucht. Welche Tricks es gibt, um schnell den nötigen Pegel zu erreichen und gleichzeitig den Alkoholgeruch zu kaschieren. Die ausgeklügelten Verstecke der Schnapsflaschen und deren heimlicher Austausch.
    Peters schildert eindrucksvoll das ständige Kreisen aller Gedanken um die Beschaffung und Zufuhr ausreichender Mengen Alkohol, das ständige Lügen, den ununterbrochenen Versuch, der mal schlechter, mal besser gelingt, zu verbergen, wie betrunken er ist.

    Und irgendwann sagt er ihn tatsächlich, diesen einen Satz, der sein Leben endgültig zerstören kann – oder zum Besseren verändern: „Ich bin Alkoholiker, ich muss einen Entzug machen.“
    Ja, sagt daraufhin seine Frau. „Dann aber sofort.“

    Und damit beginnt der zweite Teil „Nicht trinken“.
    Nach der Entgiftung, die Peters an den Rand des Erträglichen bringt, folgt der schmerzvolle und schwierige Prozess, in dem er nicht nur lernen muss, nicht zu trinken, sondern auch und vor allem seinem Leben, das jahrelang von den Trinkrhythmen bestimmt war, eine neue Struktur zu geben.
    „De facto habe ich nichts von dem, was man als erwachsener Mensch tut, je nüchtern getan, ich weiß also nicht, ob ich zu einem organisierten Alltag überhaupt in der Lage bin.“
    Aber nach vielen Wochen in der Klinik, nach vielen Therapiestunden und Gesprächen mit anderen Betroffenen, von denen die meisten – im Gegensatz zu ihm, für den es der erste Entzug ist – zum wiederholten Male in einer solchen Einrichtung sind, da weiß Christoph Peters es einfach:
    „… in diesem Moment weiß ich mit dem Wissen der Gewissheit, dass ich nie wieder trinken werde, weiß es auf eine Art, wie ich nie zuvor etwas gewusst habe. Es ist vorbei, ein für alle Mal, es wird keinen Rückfall geben, nicht einmal die Angst davor.“

    Gut zwanzig Jahre nach diesem Entzug hat Christoph Peters nun seine Geschichte in diesem Roman verarbeitet, immer noch trocken.
    Dafür und für den Mut, so offen und schonungslos von seinem schweren Weg zu erzählen, kann man ihm nur den höchsten Respekt zollen.
    Für mich ist „Entzug“ eines der eindrücklichsten Lese-Erlebnisse der letzten Zeit. Definitiv ein Buch, das so ich so schnell nicht vergessen werde!

  • „Halte dein Herz im Zaum – das würde ihr die Vernunft raten, doch sie lebte schon zu lange am Meer, um der Vernunft allein zu folgen.“

    Grace, Mitte 40 und seit einer Weile geschieden, reibt sich auf zwischen ihrem Job und der Betreuung und Pflege ihres Vaters Jack, dessen Vergesslichkeit und Verwirrtheit immer mehr zunehmen.
    Deswegen glaubt sie ihm auch kein Wort, als er von dem jungen Mädchen erzählt, das am Nachmittag zu Besuch gewesen sei und einen Umschlag hinterlassen habe.
    Zur Ruhe kommt Grace eigentlich nur nach der abendlichen Routine, die wiederum ihren Vater so weit beruhigt, dass er endlich schlafen kann:
    Die „Versorgung der Tiere“, die es auf dem alten Hof schon lange nicht mehr gibt, die traditionelle Tasse heißen Kakao und – das Wichtigste – das Abspielen einer alten Kassette mit dem Seewetterbericht aus dem Radio.
    Erst wenn er die Namen der Seegebiete hört – Viking, Lundy, Fastnet, Irische See, Shannon, Rockall, Malin – kommt Jack zur Ruhe, und Grace ist schlau genug, die immer gleiche Aufnahme zu verwenden, um zu vermeiden, dass womöglich eine Gefahrenmeldung aus dem echten Leben in die Stille des Schlafzimmers platzt und ihren Vater – und damit auch sie – um die Chance auf ein bisschen Nachtruhe bringt.
    Dieses anstrengende, aber doch überschaubare Leben nimmt eine rasante Wendung, als die junge Frau – Jacks vermeintliches Hirngespinst – erneut auftaucht.
    Sie ist auf der Suche nach Michael, Jacks Sohn bzw. Grace‘ Bruder, den sie für ihren Vater hält.
    Sie hat bei ihrem ersten Besuch diesen Umschlag hinterlassen. Darin eine Postkarte von Whitby, eine Stadt an der irischen Ostküste, beschrieben in der Handschrift von Michael, ganz eindeutig, und abgestempelt im Januar 2001. Außerdem hat sie ein Foto dabei: Michael, eindeutig zu erkennen mit seinem windzerzausten Haar und dem abgebrochenen Zahn – Michael mit einem Baby auf dem Arm.
    Aber das kann unmöglich sein, denn Michael ist bei einem Schiffsunglück ertrunken, zwei Jahre bevor diese Aufnahme gemacht wurde.
    Jedoch der Name der jungen Frau – Malin, wie in Malin Head aus dem Seewetterbericht – der Name macht die Postkarte und das Datum nebensächlich, denn die Wahrheit steckt in diesem Namen.
    Es gibt nur eine Erklärung für Grace: Ihre Eltern hatten immer recht, Michael ist damals nicht gestorben, womöglich lebt er immer noch.
    Und so wirft die vernünftige Grace all ihre Bedenken über Bord und begibt sich mit ihrem Vater und Malin auf die Suche nach Michael – eine Suche, die die Reise ihres Lebens wird.

    Kathy Briggs‘ Roman ist ein richtiger Schmöker; es entfaltet sich eine Familiengeschichte, die sowohl anrührend wie auch spannend ist, und was tatsächlich mit Michael passiert ist, ist im Großen und Ganzen glaubwürdig.
    Eine ganz besondere Figur ist der alte Jack; seine Momente der völligen Klarheit und denen gegenüber das langsame Abdriften, wenn ihm alles zu viel wird, und die Geschehnisse, die zeigen, dass seine Demenz zunimmt – all das ist sehr beeindruckend und bedrückend, vor allem aber immer respektvoll erzählt.
    Etwas zu weichgespült war für mich das Ende, aber nach all den Strapazen, die vor allem Grace für und wegen Jack auf sich nimmt, gönnt man der Familie das Happy End.
    Und für mich hätte es gar nicht passender sein können: Ich habe dieses Buch gelesen, während ich gerade selbst auf einem Schiff auf dem Atlantik war, allerdings war es nicht stürmisch, zum Glück!

  • Sommer satt von Emanuela Cino

    „Sommer satt – 70 Rezepte für heiße Tage, an denen die Sonne richtig runterbrennt“

    Der Titel ist Programm! Gerade jetzt, wo das Thermometer permanent auf über 30° klettert, sollte man zu diesem Buch greifen, das mehr als nur ein Kochbuch ist.

    Die kalte Karotten-Orangen-Suppe sieht nicht nur wunderbar aus, sondern schmeckt herrlich erfrischend. Allerdings habe ich statt frischer Orangen (so richtig gute gibt es hier bei uns ja eher im Winter) ganz schnöde zu Orangensaft gegriffen.
    Interessant klingt auch das Tiramisu – in diesem Rezept wird statt des üblichen Alkoholzusatzes wie Amaretto oder Eierlikör ganz sommerkonform Aperol verwendet.
    Unbedingt noch auszuprobieren: Gegrillter Mais mit würziger Salsa, Feta und (eventuell) Koriander. Hier warte ich aber noch eine Weile, bis es richtig guten frischen Mais gibt. Das Foto und die Anleitung im Buch machen auf jeden Fall Lust auf dieses Gericht.

    Nettes Schmankerl in diesem Buch sind die weiteren Empfehlungen für einen gelungenen Sommer.
    So findet sich zum Beispiel eine Leseliste für den Strand! Auf ihr sind lauter Bücher zu finden, die Urlaubsgefühle und flirrende Hitze oder Wasser und einsame Inseln zum Thema haben, z.B. „22 Bahnen“ von Caroline Wahl oder „Der kleine Nick macht Ferien“.

    Schön ist auch die Auflistung sämtlicher Sommerhits von 1960 bis heute (naja, fast. Bei 2024 ist Schluss.)
    Da kann man sich gleich eine Playlist anlegen und staunen: Was war denn zum Beispiel nochmal „The Ketchup Song“ von 2002?!

    Und wenn es zu heiß ist, um raus zu gehen, könnte die Liste mit den Urlaubsfilmen helfen.
    Hier sind sowohl alte Klassiker wie „Die Ferien des Monsieur Hulot“ oder „Der Swimmingpool“ dabei wie auch etwas weniger alte, z.B. „The Beach“ oder „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“.

    Dazu noch die wunderbaren Fotografien von Emanuela Cino, die einem sofort ein Gefühl von Urlaub vermitteln.
    Für mich ein rundum gelungenes Sommerbuch!

  • Sunny Baking Time von Theresa Haubs

    Mit Theresa Haubs erstem Buch „Cosy baking time“ habe ich mich ja schon vorzüglich durch den vergangenen Winter gebacken.
    Jetzt ist mit „Sunny baking time” ihr zweites Buch erschienen mit fruchtig-frischen Rezepten, also genau richtig für die Hitzewelle, die hier momentan herrscht.
    „Daher findet ihr auch in Band 2 wieder Rezepte, die schnell und easy gehen und einfach nur bombastisch geil schmecken“, um an dieser Stelle mal Theresa selbst zu zitieren.
    Das Buch ist vor allem für Back-Anfänger geeignet bzw. für die Fälle, wo es wirklich schnell gehen muss, und richtet sich – wie auch der Vorgänger – eher an ein jüngeres Publikum.
    Die betont flapsig-schnodderige Ausdrucksweise ging mir persönlich auch dieses Mal mit der Zeit ein bisschen auf die Nerven.
    „Dieser Sommer wird geil und ich weiß, dass ihr checkt!“ – na gut, wer’s mag.
    Was ich aber mochte, waren die simplen Lemon-Blondies, also quasi Brownies, aber in hell, und das Rhabarber-Crumble mit Mandeln und Vanilleeis. (An dieser Stelle nochmals DANKE an die liebe Kollegin für den frischen Rhabarber direkt aus dem Garten!)

  • Kochts wieder mit uns von Anni Oberlechner; Anita Brunner

    Nach dem Erfolg ihres ersten Buches legen Anita Brunner und Anni Oberlechner – besser bekannt als Küchenschelle und Küchenhexe – noch einmal nach. Und bleiben dabei genau dem treu, was schon beim ersten Mal funktioniert hat: die Idee, dass gutes Essen gar nicht kompliziert sein muss.
    Das Konzept ist schnell erklärt: regionale Klassiker treffen auf internationale Lieblingsgerichte. Das klingt erst einmal nach einer Mischung, die man schon kennt – funktioniert hier aber erstaunlich gut, weil alles angenehm bodenständig bleibt.
    Die Rezepte sind klar aufgebaut, die Anleitungen verständlich, und die ergänzenden Video-Links sind ein nettes Extra, gerade für alle, die sich in der Küche gern ein bisschen an die Hand nehmen lassen. So findet man sich schnell zurecht – egal, ob man nur schnell etwas für den Alltag sucht oder sich für ein gemeinsames Essen mit Familie oder Freunden inspirieren lassen möchte.
    Was das Buch sympathisch macht: Es will nicht beeindrucken, sondern funktionieren.
    Und genau das tut es auch.
    Mein Eindruck:
    Ein unkompliziertes Kochbuch, das zeigt, dass Alltagstauglichkeit und Genuss sich nicht ausschließen. Ohne großes Tamtam – dafür mit vielen Ideen, die man tatsächlich umsetzt.

  • Vatertage von Anne Berest

    Anne Berest ist fünfzehn Jahre alt, als ihr Großvater Eugène, der Vater ihres Vaters, stirbt. Der Mann, den sie „Opi“ nannte und vor dem sie eine Mischung aus Scheu und Respekt empfunden hat, hinterlässt unter anderem vier Schulhefte, in denen er einige Erlebnisse festgehalten hat. Es sind keine Tagebücher, die Hefte enthalten Lebensbruchstücke seiner Kindheit und Jugend in der Bretagne.
    Dreißig Jahre nach seinem Tod und nach dem großen Erfolg von „Die Postkarte“ – der Roman, in dem sie uns die jahrelang absichtlich unter Schweigen begrabene Geschichte ihrer mütterlichen Familie erzählt – hofft Anne, darin den Stoff für einen weiteren Roman zu finden.
    „Vermutlich rau, schmucklos und wortkarg. Doch ich sollte eine Reihe Männer entdecken, von deren Anstand, Zurückhaltung und Schüchternheit ich keinerlei Vorstellung gehabt hatte.“
    Stoff genug also für „Vatertage“, einen weiteren Roman, der nun endlich in deutscher Übersetzung vorliegt; ein Buch, das der väterlichen Linie gewidmet ist, ein Buch über die Bretagne.
    Herausgekommen ist ein großartiger Roman, in dem die Geschichte einer Familie mit der Geschichte einer Region, eines Landes kunstvoll miteinander verwoben wird.
    Vor allem aber ist es die Recherche zu diesem Buch, die Anne und ihren Vater Pierre einander wieder näherbringt. Jahrelang wurde sie von dem Gefühl gequält, dass sie und ihr Vater aneinander vorbeigelebt haben, dass so viel Ungesagtes, so viel Unverständnis, so viel Befangenheit und so viel Schweigen zwischen ihnen liegen.
    Erst als Anne weit in die Vergangenheit zurückgeht und ihre Familiengeschichte methodisch aufarbeitet, gelingt es ihr, das Porträt ihres Vaters zu zeichnen.
    Es ist das Porträt eines schüchternen, schweigsamen und äußerst faszinierenden Mannes, den auch wir auf diese Weise kennenlernen dürfen.

    Ein sehr berührendes Lese-Erlebnis!

  • Was sie nicht weiß von Shari Lapena

    Das erklärte Ziel der Thriller-Autorin Shari Lapena ist es, Bücher zu schreiben, die man nicht zur Seite legen kann.
    Ich würde sagen, dieses Ziel hat sie erreicht, denn ich bin letztens wegen ihres neuesten Krimis „Was sie nicht weiß“ zu spät zur Arbeit gekommen – weil ich wenigstens das angefangene Kapitel fertiglesen musste.
    Sooo spannend!
    Zum Glück ist mein Kollege selber ein leidenschaftlicher Krimi-Leser, so dass er volles Verständnis für meine Verspätung hatte.

  • Nicht wie ihr von Tonio Schachinger

    „Die Frage ist also nicht, ob man den Fußball liebt, sondern ob man ihn braucht, und wenn man ihn braucht, warum man ihn braucht.“

    Passender hätte das Los für das Juni-Buch im Lesezirkel ja gar nicht ausfallen können!
    „Nicht wie ihr“ von Tonio Schachinger – ein Roman über einen Fußballer, genau richtig zum Beginn der Weltmeisterschaft 2026.
    Waaaas?!
    Ein Buch über einen Fußballer? Die Skepsis war zunächst eher groß, es waren sogar Bemerkungen wie „Das lese ich ganz sicher nicht“ und „Es gibt ja nichts, was mich weniger interessiert“ zu hören.
    Aber: Der erste Roman von Tonio Schachinger wurde gelesen und war gar nicht mal so übel.
    Denn die Geschichte von Ivo Trifunović, der in der englischen Premier League spielt und eigentlich alles hat, was das Herz begehrt, eigentlich sogar viel mehr als das, ist ganz anders als erwartet.
    Denn Ivo ist nicht nur Fußballprofi, sondern vor allem ein Mensch, der seit seiner Kindheit daran gewöhnt ist, dass sich die Welt um ihn dreht. Talentiert, erfolgreich, begehrt – und dabei ständig auf der Suche nach etwas, das ihm fehlt. Als seine Jugendliebe Mirna wieder in sein Leben tritt, gerät das sorgfältig aufgebaute Gefüge aus Ehe, Karriere und Selbstgewissheit ins Wanken.

    Um im Jargon zu bleiben: Ivo ist eigentlich ziemlich „oasch“, aber irgendie halt auch der liebenswürdige Trottel, dem man nicht so richtig böse sein kann bei all seinen Eskapaden und all dem ungefilterten Mist, Blödsinn, Schmarrn, den er so von sich gibt.

    „Vielleicht wäre die Welt ein angenehmerer Ort, wenn alle nur über die Dinge reden würden, mit denen sie sich auskennen.“
    Das mag wohl so sein, aber würde sich Ivo daran halten, wäre dieser Roman nur halb so unterhaltsam.
    Mein Fazit: Ein echtes Lesevergnügen, nicht nur für Fußball-Fans.