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Gerade für Sie gelesen

  • Maxie aus unserer Tyrolia-Filiale in Innsbruck empfiehlt:

    Maxie ist Buchhändlerin in unserer Tyrolia-Filiale in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck. Ihre Spezialität sind Kochbücher - aber in ihrer Freizeit verschlingt sie alle möglichen Bücher, von Romanen bis zu den spannendsten Thrillern.

  • dreimeterdreißig von Jaqueline Scheiber

    „Klara hatte sich schon als Kind vorgestellt, wie Menschen einmal um sie trauern würden.“
    In Jaqueline Scheibers Roman erleben wir das Gegenteil hautnah mit, nämlich den Beginn dessen, wie Klara selbst um einen geliebten Menschen trauert.
    Zunächst mal ist „Dreimeterdreißig“ rein optisch ein wunderschönes Buch mit dem Blattschnitt mit den ineinandergreifenden Zacken in rosa und blau. Genau so greift auch die Handlung ineinander, die Jaqueline Scheiber auf zwei Ebenen spielen lässt. Die, in der wir schon wissen (und wir wissen es von den ersten Seiten an), dass Klaras Partner Balázs tot ist, wird umrahmt vom Ticken und Tacken einer Uhr, während die Ebene, die uns in Rückblenden die Geschichte von Balázs und Klara erzählt, stückweise von einem Gedicht umrahmt ist. Das Gedicht „Für dich“ von Lydia Daher lässt sich am Ende des Romans im Ganzen nachlesen; ich habe das tatsächlich auch erst am Schluss gemacht, aber während meiner Lektüre immer mal wieder zwischen den einzelnen Kapiteln hin und her geblättert, um einen Satz komplett zu lesen und im Zusammenhang zu sehen.
    Nicht nur durch diese Umrahmung ist Scheibers Roman eine Wucht; ihre Sprache ist teilweise wie Poesie und nicht immer ganz einfach, aber sehr besonders und einfach wunderschön.
    Auch die Geschichte von Klara und Balázs fand ich nicht ganz einfach, was für mich zu einem guten Teil daran lag, dass ich Klara als schwierige und eher unnahbare Person wahrgenommen habe.
    Sogar ihre beste Freundin Jasmin – eine spannende Figur, sie hätte einen eigenen Roman verdient! – sagt über den Beginn der Liebesgeschichte zwischen Klara und Balázs: „… ich fürchte, wir feiern das Schmelzen der Eisprinzessin.“
    Klara hat es von ihrer Kindheit weg perfektioniert, sich ihrer Umgebung und den Erwartungen anderer anzupassen, aber zugleich ist da immer eine Art Barriere in ihr. Wenn etwas zu gut, zu einfach für sie läuft, stößt sie es von sich weg.
    Das bekommt auch Balázs immer wieder zu spüren, immer wieder kommt es zu Situationen, die Klara scheinbar völlig grundlos komplett aus der Bahn werfen, vor allem zu Beginn ihrer Beziehung sucht er den Auslöser bei sich, in seiner Art, in seinen falschen Worten; jeder Streit mit ihr ist für ihn unvorhersehbar, aber bald er hat verstanden, dass nur Geduld und Sanftheit die Härte in Klara lösen können. „Es war selten, dass durch Klaras kontrollierte Fassade etwas Schelmisches drang und sie sich selbst nicht so ernst nahm, doch mit Balázs war das möglich.“
    Scheibers Roman ähnelt einem Fiebertraum, in den Abschnitten mit der tickenden Uhr zweifelt man mitunter daran, was real ist und was Klara, einer Schlafwandlerin gleich, vielleicht nur träumt oder phantasiert. Und immer wieder hofft man, dass Klara doch einfach aufwacht, nicht eingeholt von einer Realität, in der es den Mut braucht, nach einem schweren Verlust weiterzumachen.

    Selber gerade mit einem unerwarteten Todesfall konfrontiert, war „dreimeterdreißig“ für mich ein sehr besonderes, ein spezielles und tröstliches Buch.

  • Was ich von ihr weiß von Jean-Baptiste Andrea

    In einer Abtei, die am Ende einer so steilen Straße liegt, dass es jedem, der sie befährt, blass um die Nase wird, wird seit vierzig Jahren eine Madonnen-Statue versteckt. Sie befindet sich im tiefsten und entlegensten Keller, die Tür mit mehreren Schlössern gesichert. Seit Jahren hat sie niemand mehr gesehen außer dem Abt, dazu die Mönche, die es beantragen, und die wenigen Kardinäle, die sie damals dort eingesperrt haben, etwa dreißig Personen auf der ganzen Welt, höchstens. Und natürlich ihr Schöpfer, der Bildhauer Michelangelo Vitaliani, genannt Mimo; er hatte seinen eigenen Schlüssel und konnte kommen, wie es ihm beliebte.
    „Wir sperren sie ein, um sie zu schützen. Aber die sie dort hingebracht haben, vermutet der Abt, wollten nur sich selbst schützen.“ Was hat es mit der geheimnisvollen Madonna auf sich?

    Jetzt, im Herbst des Jahres 1986, liegt Mimo im Sterben und lässt für uns in der Rückschau sein Leben passieren.
    1904 wird Mimo als Sohn italienischer Eltern in Frankreich geboren – „C’e un piccolo problema“, sagt die alte Rosa, die seiner Mutter bei der Geburt zur Seite steht. Denn wer immer Mimo sieht, für den ist klar, dass er sein Leben mehr oder weniger piccolo bleiben wird; mit gerade mal 1,40 m wird er als Erwachsener oft als „Zwerg“ oder „Gnom“ verspottet.
    All das hindert Mimo aber nicht, so wie sein Vater den Beruf des Bildhauers zu erlernen – und er wird ein außergewöhnlicher, ein gefeierter Künstler.
    Nicht die ganze Zeit, aber in den entscheidenden Momenten stets an seiner Seite ist Viola Orsini, die mehr vom Leben möchte, als nur die höhere Tochter aus reichem Elternhaus zu sein, sie ist rebellisch, klug, unangepasst.
    An dieser Stelle möchte ich der Beschreibung von Le Figaro Magazine »Ein zauberhaftes Buch über eine unerschütterliche Liebe.« widersprechen. Für mich war es eine tiefe Freundschaft, die zwischen diesen beiden ungleichen Menschen entsteht, die Höhen und Tiefen erlebt und ein ganzes Leben lang andauern wird. Die Wege der beiden sind alles andere als gradlinig, sie kreuzen sich, verlieren sich, finden sich wieder, aber immer ist da dieses Band zwischen ihnen.

    „Was ich von ihr weiß“ ist ein fesselndes Buch, das mehr als ein halbes Jahrhundert und den Wahnsinn des aufkommenden Faschismus zwischen den beiden Weltkriegen umspannt.
    Mit Mimo und Viola hat Jean-Baptiste Andrea zwei schillernde Figuren geschaffen: Die freiheitsliebende Viola, die einer Seiltänzerin gleich auf einer unscharfen, zwischen zwei Welten gespannten Grenze balanciert, zwischen Wahn und Vernunft. Und auch Mimo, herzensgut und gleichzeitig egoistisch, selbstzerstörerisch, größenwahnsinnig und oft unglaublich dumm, vereint Genie und Wahnsinn in sich – ein Feuerwerk von einem Roman!

  • Im Leben nebenan von Anne Sauer

    Was wäre, wenn? Wie hätte mein Leben verlaufen können, wenn ich irgendwann eine andere Entscheidung getroffen hätte, einen anderen Weg eingeschlagen hätte.
    Das haben wir uns bestimmt alle schon mal gefragt, und Anne Sauer macht aus dieser Frage einen unglaublich tollen, spannenden und berührenden Roman.

    Es geht zum einen um Toni und zum anderen um Antonia – beides ein und dieselbe Frau, deren Leben wir in zwei verschiedenen Varianten ein Stück weit begleiten.
    Raffiniert fand ich in dem Zusammenhang schon die Nummerierung der Kapitel: Steht die Zahl auf der rechten Seite, haben wir es mit Toni zu tun, steht sie links, dann geht es um Antonia.
    Im wahren Leben ist Toni, Mitte dreißig, glücklich in ihrer Beziehung mit Jakob in der Großstadt; beide wünschen sich ein Kind und seit geraumer Zeit nimmt Toni die Strapazen einer Kinderwunschbehandlung auf sich. Dazu stellen sich Fragen wie „vielleicht doch zurück aufs Dorf ziehen?“
    Das Leben nebenan beginnt gleich mit einem Wumms. Antonia liegt nicht in ihrem Bett, sondern auf einem Sofa, an ihrer Seite ein zeterndes Baby, dessen Weinen sich zu einem Brüllen steigert. Während Antonia noch darauf wartet, dass jemand ins Zimmer kommt und dieses Kind beruhigt, im besten Fall die Mutter, bemerkt sie die vielen Elternratgeber und im Regal in diesem Wohnzimmergrauen, das so gar nicht ihrem Geschmack entspricht, schließlich ein silbern gerahmtes Hochzeitsfoto. Darauf, ganz in weiß, sie selbst und ihre Jugendliebe Adam, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hat.
    Allein dieses erste Kapitel aus der Sicht von Antonia ist so eindrucksvoll beschrieben, dass man meint, mit ihr auf der Sofalandschaft zu sitzen und mit ihr voller Unglauben diese absurde Situation zu erleben.
    Einerseits kann man sich fragen, welches nun das wahre, das wirkliche Leben von Toni/Antonia ist, und auf der anderen Seite ist das völlig egal.
    Beide Lebensentwürfe sind höchst spannend; im einen Leben hat Antonia genau das, was sie sich als Toni im anderen Leben so heiß ersehnt, nämlich ein Kind, und doch ist sie in ihrem Leben als Mutter nicht wirklich glücklich, noch nicht angekommen in dieser ungewohnten und fremden Rolle, völlig überfordert davon, dass sich alles mit einem Mal verändert hat und sie überhaupt nicht mehr sie selbst ist.
    Spannend und gut nachvollziehbar fand die ich Entwicklung der beiden Frauen im Verlauf des Romans.
    Während Antonia sich Kapitel für Kapitel zögerlich mit den Umständen arrangiert und versucht, in ihrem neuen Leben Fuß zu fassen, stellt Toni plötzlich ihre ganze Lebensplanung in Frage. Ist es überhaupt ihr eigener Kinderwunsch, den sie seit Jahren so bedingungslos zu erfüllen versucht? Oder sind es nicht auch zu einem großen Teil die Erwartungen der künftigen Großeltern, der Freunde, der Gesellschaft: Ein junges Paar – was sollten sie auch sonst tun mit ihrer Zukunft? „Alle wollten, dass sie Kinder will. Aber niemand hatte sie darauf vorbereitet, keine Kinder bekommen zu können.“
    Was passiert mit ihrer Beziehung, wenn sie sich von ihrem Kinderwunsch verabschiedet?
    Mich hat dieses Buch von der ersten Seite an so gefesselt, dass ich es in einem Rutsch gelesen habe – hier stimmt also, was der Umschlag verspricht: „Anne Sauer lesen ist wie Serie schauen: mitreißend und süchtig machend!“

    An dieser Stelle darf ich natürlich nicht zu viel verraten, aber das Ende hat mich echt umgehauen – es lässt einen noch lange, nachdem man das Buch zugeklappt hat, darüber rätseln. Meine Gefühle dazu waren eine Mischung aus leichter Rührung und stiller Freude, so gelungen fand ich es.
    Für mich ist „Im Leben nebenan“ definitiv eines DER Bücher für diesen Sommer, für alle – außer vielleicht für diejenigen, die gerade selber an einem unerfüllten Kinderwunsch zu knacken haben, denjenigen würde ich von der Lektüre tatsächlich eher abraten.
    Anne Sauer ist eine Autorin, die ich mr auf jeden Fall merken werde – meine Bitte an sie wäre, dass sie bald wieder einen Roman schreibt. Auf etwas Neues von ihr freue ich mich schon jetzt!

  • „Du hast dein eigenes Urteil gesprochen, und nun sollst du es erleiden, sprach der König. Und damit wurde die böse alte Königin zwischen zwölf ungezähmten Pferden festgebunden und von diesen in Stücke gerissen.“

    Wenn man in der Kurzbeschreibung von Anne Holts neuestem Roman liest, dass einer der wenigen Menschen, der ihrer Ex-Kommissarin Hanne Wilhelmsen nahesteht, brutal ermordet wird, läuten natürlich alle Alarmglocken. Ich bin mir sicher, dass ich hier nicht zu viel verrate, denn einem echten und langjährigen Fan ist sofort klar: Es kann nur Henrik Holme sein.
    Und wirklich, der junge, einsame und sehr schüchterne Henrik, der immer so unbeholfen wirkte und Hanne und ihre Familie so liebte und schätzte, wird gleich auf den ersten Seiten in einem Müllcontainer gefunden, brutal ermordet. Das ist natürlich ein echter Schock – und ich nehme es Anne Holt schon sehr übel, dass sie jetzt mit Henrik bereits einen zweiten, über die Jahre liebgewonnenen Charakter sterben lässt; manch einer erinnert sich vielleicht, dass auch Billy T., Hannes engster Kollege und einziger Freund aus alten Zeiten, in „Ein kalter Fall“ ums Leben gekommen ist.
    Hanne musste ja mehr als genug Energie verbrauchen, um ihn in ihrer Erinnerung möglichst weit nach hinten zu schieben. Umso schöner, dass er jetzt nicht nur einmal kurz erwähnt wird.

    Der neue Fall, Hannes zwölfter, spielt im Jahr 2022; gerade eben wurden in Norwegen die Corona-Beschränkungen aufgehoben, sehr zu Hannes Missfallen. Sie war ja schon immer eine menschenscheue, fast möchte ich sagen menschenfeindliche Eigenbrötlerin; nachdem sie vor zwanzig Jahren angeschossen wurde und seitdem im Rollstuhl sitzt, beschränkte sich ihr Radius hauptsächlich auf ihre große Wohnung, und all die Einschränkungen und die Isolation kamen ihr ja sehr gelegen. „Hanne Wilhelmsen hatte niemals in einer besseren Zeit gelebt.“

    Jetzt liegt ihre Welt in Scherben, Henriks schrecklicher Tod reißt ihre Familie auseinander, „und zum ersten Mal seit 1999 war sie ganz allein auf der Welt.“
    Wenn man mal absieht von dem packenden und wirklich perfiden Fall, dem Henrik auf der Spur war und der ihn das Leben gekostet hat, ist es vor allem Hannes Entwicklung, die uns beim Lesen fesselt.
    Ich habe ja in meinen früheren Buchtipps schon öfter erwähnt, dass Hanne es einem wirklich schwer macht, sie zu mögen. Das ist auch dieses Mal nicht leicht, aber man kommt ihr viel näher als in den früheren Fällen.

    „Zwölf ungezähmte Pferde“ ist nicht nur ein hochspannender Krimi, der mich echt in Atem gehalten und Nerven gekostet hat – es ist vor allem eine Geschichte über Einsamkeit und ein beängstigendes Geheimnis.
    Zum Schluss stellt sich natürlich die Frage: Ist der mitten im Roman versteckte Satz „Hanne Wilhelmsens Ära war zu Ende“ ein Hinweis darauf, dass wir hier den letzten Band mit Hanne in den Händen halten? Ohne Henrik an ihrer Seite wäre das naheliegend – aber vielleicht findet Hanne in der pfiffigen Lektorin Ebba Braut, die wie schon im vorletzten Band auch jetzt wieder eine wichtige Rolle spielt, und dem Neuen bei der Polizei, dem jungen Marius Blaaberg, zwei neue Sidekicks?
    Man darf gespannt sein!

  • Herz König von Lily King

    „Was weißt du schon von Risiken, denke ich. Du bist immer auf Nummer sicher gegangen. Mister Vorsichtig. Und als es einmal wirklich schiefging, habe ich dich geschützt.“

    Die Meinungen zu Lily Kings neuem Roman „Herz König“ sind ja durchaus geteilt, wenn man sich die Rezensionen so anschaut, aber mir hat das Buch wirklich gut gefallen.
    Die beiden Studenten Sam und Yash verbindet eine enge Freundschaft, und zunächst ist es einfach, als die etwas jüngere Jordan dazustößt. Doch dann wird es kompliziert, denn Jordan und Sam beginnen eine Beziehung – diese blieb für mich eher unergründlich, denn ganz ehrlich: Sam ist schon sehr speziell –, aber auch zu Yash hat sie eine besondere Verbindung und die beiden fühlen sich mehr und mehr zueinander hingezogen – was ich nachvollziehen konnte, denn Yash fand ich viel liebenswerter als den schrulligen Sam.
    Wie es so kommt im Leben: Die eine Beziehung endet, und zwar nicht im Guten, die andere beginnt – was für alle Beteiligten schwer ist, die gemeinsame Freundschaft ist jedenfalls dahin.
    All das fand ich sehr gut und realistisch beschrieben, denn eine ähnliche Situation hat ja vermutlich jeder schon mal durchlebt, in welcher Konstellation auch immer.
    Der zweite Teil hat es mir schwerer gemacht; um nicht zu viel vom Inhalt zu verraten, muss ich vage bleiben. Wir erfahren, wie die große Liebe zwischen Jordan und Yash zu Ende ging – das „Warum“ von Yashs Seite ist zunächst schwer zu verstehen, Jordans Anteil an der Geschichte geht zu Herzen.
    Der dritte Teil, in dem sich die beiden nach vielen – sehr vielen – Jahren wiedersehen, fällt tatsächlich in die Kategorie „Tränenschocker“.
    Mich hat aber genau dieser Teil aus persönlichen Gründen sehr tief berührt und daher bekommt „Herz König“ von mir die volle Punktzahl!

  • Hunger von Tine Høeg

    „Die Sehnsucht nach einem Kind ist nicht rational. Die kommt von einem Ort in mir, der nicht das Gehirn ist.“

    Auf diesen Roman bin ich tatsächlich durch einen Beitrag in den sozialen Medien aufmerksam geworden, und vor allem die Kommentare dazu bzw. zu der Thematik, die zum Teil wirklich unterirdisch waren, haben mich schockiert und neugierig gemacht.
    In „Hunger“ lässt Tine Høeg die fünfunddreißigjährige Schriftstellerin Mia (keine Ahnung, wie viel Autofiktion hier dabei ist oder ob überhaupt) neun Monate lang eine Art Tagebuch führen, genau die Zeit, die normalerweise eine Schwangerschaft in etwa dauern würde. Aber bei Mia und ihrem Partner Emil läuft es nicht so, wie sie es gerne hätten; ein Jahr lang haben sie vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen. Da nach diversen Untersuchungen klar ist, dass es auf natürlich Weg wohl nicht klappen wird, unterzieht sich Mia einer Fertilitätsbehandlung mit anschließender künstlicher Befruchtung.
    Während die Chronik einer Schwangerschaft vermutlich ein Tagebuch der Freude und des Glücks wäre, lesen wir hier das Tagebuch eines äußerst schmerzhaften Prozesses, sowohl im wahrsten körperlichen Sinne des Wortes wie auch im psychischen. Die medizinischen Behandlungen, die Mia über sich ergehen lässt, „diese grauenerregende und faszinierende Manipulation meines Körpers“ sind eine Tortur, und jeder fehlgeschlagene Versuch bringt sie an die Grenze dessen, was noch auszuhalten ist, jeder negative Schwangerschaftstest lässt den Hass auf ihren „lächerlichen, missglückten, unvollkommenen Körper“ größer werden.
    Auch für die Partnerschaft ist der Behandlungsverlauf extrem belastend; die Schwierigkeit, schwanger zu werden, liegt zwar in erster Linie an der schlechten Qualität von Emils Spermien, aber dennoch ist es Mia, die Medikamente schlucken und Hormone spritzen muss und die man in den Bauch sticht, um den Eisprung auszulösen. Sie zerstört ihren eigenen Körper, um neues Leben zu schaffen.
    Und auch wenn Emil sagt, dass er sich ein Kind wünscht, so fehlt ihm doch keins. „Das ist ein entscheidender Unterschied zwischen uns bei dem, was wir gerade durchmachen. Er hat schon Kinder. Ich fühle einen Hunger.“

    Dieser Hunger nach einer Schwangerschaft, nach einem eigenen Kind wird für Mia zu einer wahren Obsession, immer wieder notiert sie Sätze wie „Ich will schwanger werden oder sterben“ oder „Wenn es nicht gelingt, will ich sterben. Wenn es nicht gelingt, muss ich sterben.“
    An anderer Stelle: „Der Hunger nach einem Kind ist sonderbar. Ich habe keine Ahnung, ob mein Leben glücklicher sein wird. Nur sinnvoller.“
    „Hunger“ ist aber nicht nur die Geschichte einer alles verzehrenden Sehnsucht, es ist auch die Aufzeichnung der Tatsache, dass – in einem modernen Land wie Dänemark – der Mann, auch wenn er das „Problem“ ist, quasi keine Funktion hat. „Hier in der Klinik wird die Frau hofiert… Emil wird von keinem gesehen.“ Der Roman spielt während der Corona-Zeit, so dass Emil als Angehöriger anfangs nicht mit in die Klinik kommen kann. Er ist aber kein Angehöriger, er ist Patient genau wie Mia, spielt aber im Fertilitätssystem keine Rolle.
    „Bereits vor der Empfängnis besteht das System also darauf, die Frau zum Primärelternteil zu machen, hauptverantwortlich für alles, was mit dem Kind zu tun hat.“
    „Hunger“ ist nicht nur ein schmerzhafter Text über eine existentielle Lebenskrise, geschrieben aus Unruhe und Sehnsucht, sondern auch die Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft, in der (immer noch) das Ideal der Familie hochgehalten wird und ungewollte Kinderlosigkeit mit großer Scham verbunden und immer noch stark tabuisiert ist.
    Tine Høeg gibt dem Schmerz eine ganz eigene Sprache, und ihr eigenwilliger Schreibstil – atemlos, ohne Punkt und Komma – hat mich diesen Roman an einem Nachmittag in einem Rutsch lesen lassen.
    (Zum besseren Leseverständnis habe ich in meinen Zitaten Punkt und Komma gesetzt – hierfür möchte ich mich bei der Autorin entschuldigen.)
    „Hunger“ ist keine ganz einfache Kost, aber absolut lesenswert!

  • Kochen im falschen Jahrhundert von Teresa Präauer

    Wie macht man aus einem Abendessen einen Gesellschaftsroman?
    Teresa Präauer bittet acht Menschen zu Tisch.

    Ein sorgfältig geplantes Menü, eine stilvolle Wohnung und ein Abend, der eigentlich ganz entspannt verlaufen soll – und doch erzählt sich zwischen den Gängen viel mehr als nur die Geschichte eines gemeinsamen Essens. Denn am Tisch geht es auch um Geschmack, Herkunft, Bildung, Selbstinszenierung und die kleinen Unterschiede, die Menschen voneinander trennen oder miteinander verbinden.

    Mit feinem Humor und einem scharfen Blick für die Zwischentöne macht Teresa Präauer aus einem scheinbar alltäglichen Abendessen ein kluges Spiel über unsere Zeit.

  • Der letzte Weckruf von Louise Penny; Mellissa Fung

    Ein neuer Roman von Louise Penny, der nicht Chief Inspector Gamache als Hauptfigur hat?
    Ich war extrem gespannt, was Louise Penny dieses Mal – so ganz abseits der vertrauten Pfade (und ja, ich weiß: Es gibt schon ein anderes Buch von ihr, gemeinsam mit Hillary Clinton verfasst, das nicht in meinem geliebten kleinen Dörfchen Three Pines spielt) – geschrieben hat, und was soll ich sagen? Meine Erwartungen wurden nicht enttäuscht!

    „Der letzte Weckruf“ ist ein extrem spannender Roman, den man atemlos liest und aufmerksam lesen muss, weil er sehr komplex ist.
    Die Geschichte rund um Vivien und Alice, Mutter und Tocher, deren schwierige Beziehung in einer Zeit größter Gefahren auf eine Zerreißprobe gestellt wird, ist deswegen so gut, weil Penny es wie immer meisterhaft versteht, ihre Figuren zu entwickeln, so dass man sie mit der Zeit wirklich zu kennen glaubt.
    Das Szenario, das Penny und ihre Mitautorin, die Journalistin Mellissa Fung, entwerfen, ist bedrohlich und erschreckend realistisch:
    Die nächste Generation der künstlichen Intelligenz und verzerrte Fakten, Politiker, die völlig außer Kontrolle zu sein scheinen, eine skrupellose, weltweit operierende Terrororganisation und Anschlagspläne, die einen weltweiten Krieg auslösen könnten – das alles ergibt einen politischen Thriller, bei dem die Beklemmung von Seite zu Seite zunimmt und man sich immer wieder denkt bzw. hofft: Vieles davon ist ja längst Realität, aber so verheerend kann es doch wohl niemals werden?!

    „Der letzte Weckruf“ ist aber nicht nur eine Geschichte von politischen Machenschaften, sondern zugleich die einer belasteten Mutter-Tochter-Beziehung; es geht um alte Wunden und das Bedürfnis, sich einem Elternteil verbunden zu fühlen, es geht – wie immer bei Louise Penny – ganz viel um Liebe und tiefe Freundschaft.
    Bei all den Schrecklichkeiten, die sie hier beschreibt, blitzt zum Glück auch immer wieder der Witz und der Schalk durch, der auch für ihren Inspector Gamache so typisch ist.
    Und Louise Penny wäre nicht Louise Penny, wenn es sich nicht auch in diesem Roman ganz oft um gutes Essen drehen würde!

    Ganz klare Lese-Empfehlung von mir – und ich bin gespannt, was sie als nächstes für ihre Leserinnen und Leser parat hat… solange sie Armand Gamache nicht in den Ruhestand schickt.

  • Skippy stirbt von Paul Murray

    Viel deutlicher kann ein Romantitel wohl kaum sein. Und tatsächlich beginnt Paul Murrays gewaltiger Roman genau dort, wo andere enden: Der vierzehnjährige Daniel „Skippy“ Juster bricht während eines Donut-Wettessens zusammen und stirbt. Die eigentliche Geschichte beginnt erst danach – oder vielmehr davor. Denn Murray erzählt in den folgenden fast 800 Seiten, wie es überhaupt so weit kommen konnte.
    Schauplatz ist das katholische Eliteinternat Seabrook College in Dublin. Dort teilt sich Skippy das Zimmer mit Ruprecht Van Doren, einem übergewichtigen Mathematikgenie, das fest davon überzeugt ist, mithilfe der Stringtheorie ein Tor in ein Paralleluniversum öffnen zu können. Während Ruprecht über die großen Rätsel des Universums nachdenkt, beschäftigt Skippy vor allem eines: Lori, das schönste Mädchen von der benachbarten Mädchenschule. Dass ausgerechnet der skrupellose Carl ebenfalls ein Auge auf sie geworfen hat, macht die Sache nicht einfacher.

    Was zunächst wie ein Internatsroman voller schräger Figuren und skurriler Situationen wirkt, entwickelt sich nach und nach zu etwas viel Größerem. Es geht um erste Liebe, Freundschaft, Mobbing, Leistungsdruck, Drogen, Missbrauch, Einsamkeit und die Frage, wie gut Erwachsene Jugendliche eigentlich wirklich kennen. Dabei erzählt Paul Murray mal urkomisch, mal erschütternd traurig – manchmal sogar innerhalb weniger Seiten.
    Ich habe selten ein Buch gelesen, das so mühelos zwischen Slapstick und tiefem Ernst wechselt. Eben noch lacht man über die herrlich schrägen Dialoge und die absurden Einfälle der Internatsschüler, im nächsten Moment zieht einem Murray den Boden unter den Füßen weg.
    Allerdings braucht dieser Roman auch Geduld. Murray liebt Abschweifungen, gönnt fast jeder Nebenfigur ihre eigene Geschichte und verliert sich gelegentlich in naturwissenschaftlichen Exkursen oder philosophischen Gedankenspielen. Nicht jede dieser Umwege hat mich gleichermaßen überzeugt; an manchen Stellen hätte ich mir etwas mehr Straffung gewünscht.
    Trotzdem: Je länger man liest, desto deutlicher wird, dass all diese Figuren, Gespräche und Nebengeschichten Teil eines großen Ganzen sind. Und irgendwann versteht man, dass „Skippy stirbt“ gar nicht in erster Linie ein Roman über den Tod eines Jungen ist, sondern über das Erwachsenwerden – mit all seiner Komik, seiner Grausamkeit und seiner Zerbrechlichkeit.

    Mein Fazit:
    „Skippy stirbt“ ist kein leichtes Buch, weder wegen seines Umfangs noch wegen seiner Themen. Aber es ist eines dieser seltenen Bücher, die gleichzeitig urkomisch und herzzerreißend sein können. Ein Roman voller Leben – obwohl sein Titel das genaue Gegenteil verspricht.

  • Vom Aufstehen von Helga Schubert

    „Ich stehe auf und denke: Wieder ein Tag.“

    Viel mehr braucht Helga Schubert eigentlich nicht, um den Ton ihres Buches zu setzen. Es sind keine großen Ereignisse, keine spektakulären Wendungen, die sie interessieren. Es sind die kleinen Momente eines langen Lebens. Erinnerungen, Begegnungen, Beobachtungen, die sich zu einem Mosaik zusammensetzen.
    „Vom Aufstehen“ ist kein Roman im klassischen Sinn, sondern eine Sammlung kurzer autobiografischer Texte. Mal blickt Schubert auf ihre Kindheit in der DDR zurück, mal erzählt sie von der schwierigen Beziehung zu ihrer Mutter, von ihrem schwerkranken Mann, vom Älterwerden, von der Natur rund um ihr Haus in Mecklenburg oder einfach von einem Gedanken, der sie beim morgendlichen Aufstehen beschäftigt.
    Gerade diese Unaufgeregtheit hat mir oft gut gefallen. Schubert gelingt es, in wenigen Sätzen eine Stimmung entstehen zu lassen oder einen Gedanken so zu formulieren, dass man ihn gerne noch eine Weile mit sich herumträgt. Manche Miniaturen haben mich wirklich berührt.
    Andere dagegen haben mich etwas ratlos zurückgelassen.
    Nicht, weil ich sie nicht verstanden hätte, sondern weil ich immer wieder das Gefühl hatte, dass sie genau dort enden, wo sie eigentlich erst anfangen. Dass da noch etwas fehlt. Ein Gedanke, der zu Ende gedacht werden möchte. Eine Erinnerung, die weitererzählt werden müsste. Manche Texte wirkten auf mich eher wie Skizzen als wie abgeschlossene Erzählungen.
    Vielleicht ist genau das gewollt. Vielleicht liegt gerade darin der Reiz dieses Buches.
    Mich hat diese Offenheit allerdings nicht immer überzeugt und auch in unserem Lesezirkel wurde das Buch durchaus kontrovers diskutiert.