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Maxie ist Buchhändlerin in unserer Tyrolia-Filiale in der Maria-Theresien-Straße in Innsbruck. Ihre Spezialität sind Kochbücher - aber in ihrer Freizeit verschlingt sie alle möglichen Bücher, von Romanen bis zu den spannendsten Thrillern.
Birdie Keller hat noch nie in ihrem Leben eine Pistole abgefeuert, aber bald wird sie es tun. Sie wird den Mann erschießen, der vor achtzehn Jahren ihre jüngere Schwester Providence ermordet hat.
Ab dem Tag, an dem James Maguire aus dem Gefängnis entlassen wird, wird sie sich an seine Fersen heften und sie wird ihn töten.
James Maguire.
Für alle anderen ist er nur ein Name, den die Zeit und neuere Tragödien ins Dunkel gerückt haben, aber für Birdie Keller ist er die Sonne, um die all ihre Planeten kreisen, und sie hat genug davon, „an diesen Mann gebunden zu sein. Mit ihm eingesperrt zu sein. Er hatte zu viel von meinem Leben gehabt, und ich von seinem. Es konnte kein Universum geben, in dem wie beide überlebten.“
In Rückblenden erfahren wir, wie Birdies Leben bis zu diesem Tag verlaufen ist. Als Tochter einer Teenager-Mutter, die von Anfang an von der Bildfläche verschwunden ist, wächst sie bei ihrer Großmutter, genannt Gamma, auf; es ist eine liebevolle und behütete Kindheit. Der glücklichste Tag in Birdies Leben ist der, an dem sie und Gamma auf der Veranda das neugeborene Baby finden, Birdies Schwester. Auch dieses Mal ist Mary, die Mutter der beiden Mädchen, nicht in der Lage, sich um ihr Kind zu kümmern.
Birdie liebt ihre kleine Schwester Providence vom ersten Moment an und verschreibt sich ganz und gar ihrer Fürsorge.
Der schlimmste Tag in ihrem Leben ist der, an dem ihr Providence wieder genommen wird, und seitdem sinnt sie auf Rache.
Ebenfalls in Rückblenden erfahren wir von der engen Freundschaft, die Providence einst mit James Maguire, genannt Jimmy, verbunden hat. Für sie war er „der Goldjunge“, wegen seiner blonden Haare und weil er die Sonne in sich hat. Providence ist die Einzige, die das Gute sieht in Jimmy, der aus einer sozial benachteiligten Familie kommt und das ungeliebte Kind eines alkoholabhängigen Vaters und einer psychisch kranken Mutter ist – der, genau wie seine älteren Brüder, eines Tages auf die schiefen Bahn geraten wird, da sind sich alle in der kleinen Stadt sicher. Denn die Maguires machen nichts als Ärger.
Diese Teile und James‘ Tagebuchaufzeichnungen aus dem Gefängnis sind die stärksten der Geschichte. Seine Erinnerungen an Providence und an seinen einzigen Freund Floyd, dessen Abneigung gegen Providence auf Gegenseitigkeit beruhte, ließen mich beim Lesen immer wieder an James‘ Schuld zweifeln.
„Ich nehm dir weg, was du liebst“ – das hat James damals zu Birdie gesagt, und wir erfahren, wie eine böse Tat eine andere böse Tat nach sich zieht und was (unerwiderte) Liebe und falscher Stolz anrichten können.
Ich habe erst ganz am Schluss, viel zu spät, den Clou der Geschichte verstanden, und das war ein Aha-Effekt, wie ich ihn selten bei einem Buch erlebt habe.
Und wenn Birdie James auf dem großen Feld endlich gegenübersteht, mit der Pistole in der Hand, dann ist das ein Ende, das richtig ist und gut.
Mir hat dieses Ende echt kurz den Boden unter der Füßen weggezogen.
Spannend, bedrückend, düster – und unglaublich berührend und toll! Unbedingt lesen!
Rein rechnerisch geht es sich leider nicht aus. Wenn „Harry und Sally“ 1989 endlich, nach all dem jahrelangen Hin und Her, ein Paar und dann sehr schnell Eltern werden, reicht die Zeit trotzdem nicht, dass wir jetzt in Daisy und James ihren Enkeln begegnen.
Dabei wäre das so schön, denn die Geschichte wiederholt sich irgendwie mit dem ewigen „sie kann ihn nicht ausstehen“, „er ist ein frauenfeindlicher Arxxx“, „sie mag ihn doch“, „er hat eine andere“ usw. usw.
Daisy ist Mitte zwanzig und von so einigen One-Night-Stands mal abgesehen, hatte sie noch nie eine richtige Beziehung.
Auch wenn sie Mitleid hat mit der Frau, die immer noch denkt, dass sie am Ende den Mann abkriegt, den sie schon seit Jahren so toll findet, weiß sie im Grunde ihres Herzens, dass diese Chance niemals kommen wird. Denn diese Frau ist sie selbst, und Fin, den sie so toll findet und den sie insgeheim liebt, macht das doch schon immer so: Er hält sie sich warm und erzählt den ganzen Scheiß von wegen, wie sehr er sie mag, aber dass er im Moment nicht bereit ist für eine Beziehung, nur um einen Monat später mit einer neuen Freundin anzukommen.
Damit soll jetzt Schluss sein, ein anderer Mann soll her – und zwar ein besserer! Aber woher nehmen, wo es doch da draußen genau EINEN anständigen Singletypen gibt, auf den dann rund vierzig umwerfende Frauen kommen?!
Es gibt nur eine Lösung: Daisy und ihr Freundin Maya müssen das Problem selber in die Hand nehmen. „Ehrenamtlich. Um Frauen mehr Optionen für eine erfüllende romantische Partnerschaft zu bieten und Männern zu einer gesünderen Männlichkeit zu verhelfen.“
Das Projekt soll an James getestet werden, von dem Daisy absolut nichts will, obwohl sie sich ganz gut verstehen. Und auch wenn sie und Maya ihn hinkriegen und am Ende ein guter Typ aus ihm würde, hätten sie am Ende immer noch nichts gemeinsam. Denn James ist vollkommen unkritisch, überhaupt kein tiefsinniger Gesprächspartner, und auch wenn die beiden Frauen ihn besser machen können, können sie ihn ja nicht zu einem komplett anderen Menschen machen.
Oder vielleicht doch???
Kann aus James vielleicht doch brauchbares „Boyfriend Material“ werden?
Dafür müssen Daisy und Maya immerhin sechsundzwanzig Jahre Fehlkonditionierung rückgängig machen!
Was folgt, ist eine Geschichte, die mich ein wenig an die großartige Serie „Machos alfa“ erinnert hat, in der vier Freunde ihre Männlichkeit „dekonstruieren“, um zu besseren Partnern zu werden.
Was mich bei den vier Männern ausgezeichnet unterhalten hat, fand ich im Fall von Daisy und James teilweise ein bisschen schwierig.
Mein Eindruck war, dass ich für diese Art von Beziehungsunsicherheiten und -krisen wahrscheinlich einfach schon zu alt bin. Ich bin wohl doch eher Generation „Harry und Sally“.
Dass die Geschichte von Daisy und James auch ausgerechnet an einem Silvesterabend endet (so wie bei ihren „Fast-Großeltern“) – oder anfängt, wie man’s halt nimmt – kann ich auch nur deswegen okay finden, weil sie mit einem netten Insider zwischen den beiden endet, der doch ein bisschen anrührend ist.
Eine Frage hätte ich zum Schluss noch an die Person, die das Cover abgesegnet hat. Wer soll die brünette Frau sein? Daisy ist doch blond.
„Du musst dich in Acht nehmen, Hanne. Schwierig warst du immer schon.“
Aaaaahhh!
Die letzten Sätze in meinem Buchtipp zu Anne Holts Roman „Zwölf ungezähmte Pferde“ waren folgende: „Zum Schluss stellt sich natürlich die Frage: Ist der mitten im Roman versteckte Satz „Hanne Wilhelmsens Ära war zu Ende“ ein Hinweis darauf, dass wir hier den letzten Band mit Hanne in den Händen halten?“
Als hätte ich es herbeigeredet… mit dem neuen Buch „Diamanten und Rost“ liegt nun tatsächlich, wirklich und wahrhaftig der letzte Krimi mit Hanne Wilhelmsen vor.
Damit geht wirklich eine Ära zu Ende, auch für mich, denn ich habe Hannes ersten Fall („Blinde Göttin“) 1995 gelesen und in Folge jeden weiteren, und so hat sie mich den größten Teil meines erwachsenen Lebens begleitet.
Auch in ihrem letzten, wie immer sehr, sehr spannenden Fall macht Hanne es mir nicht leicht.
Nach der schweren Krise aus Band 12 befindet sie sich nun in der Sommerfrische, gemeinsam mit ihrer Frau Nefis und der Tochter Ida sowie Ebba Braut, „ihre vertrauteste Hausfreundin, nachdem ihr Vorgänger ermordet worden war.“
Dieser lapidare Hinweis auf den armen Henrik Holme hat mich schon gleich fuchsteufelswild gemacht, denn konnte Hanne schon zu seinen Lebzeiten nicht zugeben, wie wichtig ihr der junge Mann war, kann sie nach seinem schrecklichen Tod erst recht nicht über ihre Gefühle sprechen.
Hanne befindet sich also im neu gekauften Sommerhaus an der norwegischen Küste, es ist für alle ein wahres Idyll – für alle außer Hanne, natürlich!
„Vier Wochen mit Gästen und Festen, mit Lärm und Unruhe und Belästigungen… Vier Scheißwochen, und es waren erst zwei Tage vorbei.“
Da verwundert es doch sehr, dass ausgerechnet die menschenscheue, meist übellaunige Hanne von sich aus (!) Kontakt zu ihrer Nachbarin sucht, nachdem sich herausgestellt hat, dass diese niemand anderes ist als die bekannte, aber sehr zurückgezogen lebende Krimiautorin Kristine Hoff.
Hanne hat Kristine Hoffs Bücher nicht nur in den Neunzigerjahren gelesen, sondern überhaupt jedes seit ihrem Debüt 1993 verschlungen – das ist natürlich großartig, denn Anne Holts erster Roman mit Hanne ist im Original ebenfalls 1993 erschienen – und nachdem sie dreißig Jahre lang Material über die bekannte Autorin gesammelt hat, ist sich Hanne in einem Punkt sicher: Sie und Kristine Hoff werden sich wahrscheinlich gut verstehen.
Viel zu spät wird klar, dass Hanne, die so raffiniert manipulativ sein kann, die Weltmeisterin darin ist, ein Gespräch zu lenken und hier und da kleine Abschweifungen einzubringen, wenn sie merkt, dass jemand das Gespräch in eine Richtung führt, die ihr nicht gedient ist – viel zu spät wird klar, dass sie in Kristine Hoff ihre Meisterin gefunden hat.
Für die Zeilen aus dem Song „Diamonds and Rust“ von Joan Baez, die dem Roman vorangestellt sind, gibt es so manche Interpretation.
„We both know what memories can bring. They bring diamonds and rust.”
Ich interpretiere es für mich mal so:
Obwohl es mit uns immer schwierig war und du es mir nie leicht gemacht hast, dich zu mögen, konnte ich keiner deiner Geschichten widerstehen. Trotz deiner unmöglichen, schroffen Art habe ich mich jedes Mal gefreut, wenn ich dich in einem Roman wiedergetroffen habe.
Dass das jetzt das letzte Mal gewesen sein soll, dass unsere gemeinsame Geschichte jetzt so endet, ist ein echter Schlag für mich.
Mach’s gut, Hanne!
„Meine Familie hat ein Talent für Verrücktheit.“
Erzählt wird uns diese Geschichte von Leon; eigentlich soll er Noel heißen, Weihnachten, aber das lässt der Bürgermeister nicht durchgehen, denn das sei kein richtiger Name. Also drehen seine Eltern den Namen einfach um.
Die erste Person, von der er denkt, sie sei verrückt, ist seine Deutschlehrerin. Sie trägt mit der Schere abgeschnittene Krawatten, damit sie ihr nicht in die Suppe hängen, dabei isst sie nie Suppe, sondern nur Döner.
Das klingt eher skurril als verrückt, nicht nur für den Leser, sondern auch für Leon. Aber wie selbstverständlich wächst er damit auf, dass sich in seiner Familie die „Verrücktheiten“ häufen, und als in der Schule die Vererbungslehre durchgenommen wird, macht er eine erste Hochrechnung, was auf ihn zukommen könnte, was auf ihn zukommen wird.
Die Großmutter: bipolar und psychotisch, diverse Suizidversuche.
Der Großvater: schizophren.
Die Mutter: schwere Alkoholabhängigkeit, diverse Entzugsversuche, alle gescheitert.
Der Vater: schwere Depressionen.
Im Schnitt wird jedes zweite Kind von Eltern mit psychischen Erkrankungen selbst psychisch auffällig. In wessen Fußstapfen soll Leon treten?
Die Neurologin, die er als junger Mann wegen eines MRT aufsucht, hält ihn auch ohne dieses für verrückt; die Psychiaterin nennt ihn einen Hypochonder.
Und Leon landet tatsächlich in der Psychiatrie, aber: „Es ist unspektakulär. Keine Polizei, kein Krankenwagen, keine abgeschnittenen Krawatten. Ich nehme einfach den Bus.“
Denn Leon wird Psychologe, und während er versucht, seine Patienten besser zu verstehen, versucht er auch, seine Familie besser zu verstehen.
„Botanik des Wahnsinns“ ist kein ganz einfaches Buch, bei dem ich mich mitunter gefragt habe: Was lese ich hier eigentlich? Einen (autofiktionalen?) Roman oder ein in eine Geschichte verpacktes Sachbuch?
Die Geschichte springt zwischen der Gegenwart des Erzählers und seinen Erinnerungen an früher, auch an noch frühere Generationen, die er gar nicht kannte, hin und her, und sehr geschickt werden nicht nur medizinische Fakten und Zahlen rund um das Thema psychische Erkrankungen in die Handlung eingebaut, sondern auch philosophische, biologische, geschichtliche und etymologische Betrachtungen.
All diese Zitate von Freud, Linné, Schopenhauer usw. findet man im Anhang, zusammengefasst als die Gedanken des Nachbarn, dessen Selbstgespräche Leon durch die dünnen Wände hören kann und die er in einem Notizbuch zusammenfasst. Ganz wunderbar gemacht!
Auch wenn, wie bereits erwähnt, die Lektüre dieses Romans nicht immer ganz einfach und nicht unbedingt erheiternd ist – wobei es schon jede Menge sehr trockenen Humor gibt! – gibt es von mir eine klare Leseempfehlung.
Denn „die Psychiatrie ist kein Ort für gesellschaftliche Fragen. Die Psychiatrie ist alles Mögliche, aber kein Ort für einfache Antworten.“
Und was sind eigentlich Symptome? Sind sie irrationale oder nur nervige Aspekte der Psyche eines Menschen und seines Denkens und Verhaltens? Sind sie Fehler, die es zu eliminieren gilt? Oder sind sie grundlegende Bestandteile einer Identität?
„Man kann sich in den Schmerz eingraben wie in einen Bergstollen. Aber ich könnte auch etwas anderes tun. Ich könnte sagen: Es ist nicht leicht, nicht hell, nicht schön, aber es ist in Ordnung. Wir nennen das das Leben.“
„Klara hatte sich schon als Kind vorgestellt, wie Menschen einmal um sie trauern würden.“
In Jaqueline Scheibers Roman erleben wir das Gegenteil hautnah mit, nämlich den Beginn dessen, wie Klara selbst um einen geliebten Menschen trauert.
Zunächst mal ist „Dreimeterdreißig“ rein optisch ein wunderschönes Buch mit dem Blattschnitt mit den ineinandergreifenden Zacken in rosa und blau. Genau so greift auch die Handlung ineinander, die Jaqueline Scheiber auf zwei Ebenen spielen lässt. Die, in der wir schon wissen (und wir wissen es von den ersten Seiten an), dass Klaras Partner Balázs tot ist, wird umrahmt vom Ticken und Tacken einer Uhr, während die Ebene, die uns in Rückblenden die Geschichte von Balázs und Klara erzählt, stückweise von einem Gedicht umrahmt ist. Das Gedicht „Für dich“ von Lydia Daher lässt sich am Ende des Romans im Ganzen nachlesen; ich habe das tatsächlich auch erst am Schluss gemacht, aber während meiner Lektüre immer mal wieder zwischen den einzelnen Kapiteln hin und her geblättert, um einen Satz komplett zu lesen und im Zusammenhang zu sehen.
Nicht nur durch diese Umrahmung ist Scheibers Roman eine Wucht; ihre Sprache ist teilweise wie Poesie und nicht immer ganz einfach, aber sehr besonders und einfach wunderschön.
Auch die Geschichte von Klara und Balázs fand ich nicht ganz einfach, was für mich zu einem guten Teil daran lag, dass ich Klara als schwierige und eher unnahbare Person wahrgenommen habe.
Sogar ihre beste Freundin Jasmin – eine spannende Figur, sie hätte einen eigenen Roman verdient! – sagt über den Beginn der Liebesgeschichte zwischen Klara und Balázs: „… ich fürchte, wir feiern das Schmelzen der Eisprinzessin.“
Klara hat es von ihrer Kindheit weg perfektioniert, sich ihrer Umgebung und den Erwartungen anderer anzupassen, aber zugleich ist da immer eine Art Barriere in ihr. Wenn etwas zu gut, zu einfach für sie läuft, stößt sie es von sich weg.
Das bekommt auch Balázs immer wieder zu spüren, immer wieder kommt es zu Situationen, die Klara scheinbar völlig grundlos komplett aus der Bahn werfen, vor allem zu Beginn ihrer Beziehung sucht er den Auslöser bei sich, in seiner Art, in seinen falschen Worten; jeder Streit mit ihr ist für ihn unvorhersehbar, aber bald er hat verstanden, dass nur Geduld und Sanftheit die Härte in Klara lösen können. „Es war selten, dass durch Klaras kontrollierte Fassade etwas Schelmisches drang und sie sich selbst nicht so ernst nahm, doch mit Balázs war das möglich.“
Scheibers Roman ähnelt einem Fiebertraum, in den Abschnitten mit der tickenden Uhr zweifelt man mitunter daran, was real ist und was Klara, einer Schlafwandlerin gleich, vielleicht nur träumt oder phantasiert. Und immer wieder hofft man, dass Klara doch einfach aufwacht, nicht eingeholt von einer Realität, in der es den Mut braucht, nach einem schweren Verlust weiterzumachen.
Selber gerade mit einem unerwarteten Todesfall konfrontiert, war „dreimeterdreißig“ für mich ein sehr besonderes, ein spezielles und tröstliches Buch.
In einer Abtei, die am Ende einer so steilen Straße liegt, dass es jedem, der sie befährt, blass um die Nase wird, wird seit vierzig Jahren eine Madonnen-Statue versteckt. Sie befindet sich im tiefsten und entlegensten Keller, die Tür mit mehreren Schlössern gesichert. Seit Jahren hat sie niemand mehr gesehen außer dem Abt, dazu die Mönche, die es beantragen, und die wenigen Kardinäle, die sie damals dort eingesperrt haben, etwa dreißig Personen auf der ganzen Welt, höchstens. Und natürlich ihr Schöpfer, der Bildhauer Michelangelo Vitaliani, genannt Mimo; er hatte seinen eigenen Schlüssel und konnte kommen, wie es ihm beliebte.
„Wir sperren sie ein, um sie zu schützen. Aber die sie dort hingebracht haben, vermutet der Abt, wollten nur sich selbst schützen.“ Was hat es mit der geheimnisvollen Madonna auf sich?
Jetzt, im Herbst des Jahres 1986, liegt Mimo im Sterben und lässt für uns in der Rückschau sein Leben passieren.
1904 wird Mimo als Sohn italienischer Eltern in Frankreich geboren – „C’e un piccolo problema“, sagt die alte Rosa, die seiner Mutter bei der Geburt zur Seite steht. Denn wer immer Mimo sieht, für den ist klar, dass er sein Leben mehr oder weniger piccolo bleiben wird; mit gerade mal 1,40 m wird er als Erwachsener oft als „Zwerg“ oder „Gnom“ verspottet.
All das hindert Mimo aber nicht, so wie sein Vater den Beruf des Bildhauers zu erlernen – und er wird ein außergewöhnlicher, ein gefeierter Künstler.
Nicht die ganze Zeit, aber in den entscheidenden Momenten stets an seiner Seite ist Viola Orsini, die mehr vom Leben möchte, als nur die höhere Tochter aus reichem Elternhaus zu sein, sie ist rebellisch, klug, unangepasst.
An dieser Stelle möchte ich der Beschreibung von Le Figaro Magazine »Ein zauberhaftes Buch über eine unerschütterliche Liebe.« widersprechen. Für mich war es eine tiefe Freundschaft, die zwischen diesen beiden ungleichen Menschen entsteht, die Höhen und Tiefen erlebt und ein ganzes Leben lang andauern wird. Die Wege der beiden sind alles andere als gradlinig, sie kreuzen sich, verlieren sich, finden sich wieder, aber immer ist da dieses Band zwischen ihnen.
„Was ich von ihr weiß“ ist ein fesselndes Buch, das mehr als ein halbes Jahrhundert und den Wahnsinn des aufkommenden Faschismus zwischen den beiden Weltkriegen umspannt.
Mit Mimo und Viola hat Jean-Baptiste Andrea zwei schillernde Figuren geschaffen: Die freiheitsliebende Viola, die einer Seiltänzerin gleich auf einer unscharfen, zwischen zwei Welten gespannten Grenze balanciert, zwischen Wahn und Vernunft. Und auch Mimo, herzensgut und gleichzeitig egoistisch, selbstzerstörerisch, größenwahnsinnig und oft unglaublich dumm, vereint Genie und Wahnsinn in sich – ein Feuerwerk von einem Roman!
Was wäre, wenn? Wie hätte mein Leben verlaufen können, wenn ich irgendwann eine andere Entscheidung getroffen hätte, einen anderen Weg eingeschlagen hätte.
Das haben wir uns bestimmt alle schon mal gefragt, und Anne Sauer macht aus dieser Frage einen unglaublich tollen, spannenden und berührenden Roman.
Es geht zum einen um Toni und zum anderen um Antonia – beides ein und dieselbe Frau, deren Leben wir in zwei verschiedenen Varianten ein Stück weit begleiten.
Raffiniert fand ich in dem Zusammenhang schon die Nummerierung der Kapitel: Steht die Zahl auf der rechten Seite, haben wir es mit Toni zu tun, steht sie links, dann geht es um Antonia.
Im wahren Leben ist Toni, Mitte dreißig, glücklich in ihrer Beziehung mit Jakob in der Großstadt; beide wünschen sich ein Kind und seit geraumer Zeit nimmt Toni die Strapazen einer Kinderwunschbehandlung auf sich. Dazu stellen sich Fragen wie „vielleicht doch zurück aufs Dorf ziehen?“
Das Leben nebenan beginnt gleich mit einem Wumms. Antonia liegt nicht in ihrem Bett, sondern auf einem Sofa, an ihrer Seite ein zeterndes Baby, dessen Weinen sich zu einem Brüllen steigert. Während Antonia noch darauf wartet, dass jemand ins Zimmer kommt und dieses Kind beruhigt, im besten Fall die Mutter, bemerkt sie die vielen Elternratgeber und im Regal in diesem Wohnzimmergrauen, das so gar nicht ihrem Geschmack entspricht, schließlich ein silbern gerahmtes Hochzeitsfoto. Darauf, ganz in weiß, sie selbst und ihre Jugendliebe Adam, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hat.
Allein dieses erste Kapitel aus der Sicht von Antonia ist so eindrucksvoll beschrieben, dass man meint, mit ihr auf der Sofalandschaft zu sitzen und mit ihr voller Unglauben diese absurde Situation zu erleben.
Einerseits kann man sich fragen, welches nun das wahre, das wirkliche Leben von Toni/Antonia ist, und auf der anderen Seite ist das völlig egal.
Beide Lebensentwürfe sind höchst spannend; im einen Leben hat Antonia genau das, was sie sich als Toni im anderen Leben so heiß ersehnt, nämlich ein Kind, und doch ist sie in ihrem Leben als Mutter nicht wirklich glücklich, noch nicht angekommen in dieser ungewohnten und fremden Rolle, völlig überfordert davon, dass sich alles mit einem Mal verändert hat und sie überhaupt nicht mehr sie selbst ist.
Spannend und gut nachvollziehbar fand die ich Entwicklung der beiden Frauen im Verlauf des Romans.
Während Antonia sich Kapitel für Kapitel zögerlich mit den Umständen arrangiert und versucht, in ihrem neuen Leben Fuß zu fassen, stellt Toni plötzlich ihre ganze Lebensplanung in Frage. Ist es überhaupt ihr eigener Kinderwunsch, den sie seit Jahren so bedingungslos zu erfüllen versucht? Oder sind es nicht auch zu einem großen Teil die Erwartungen der künftigen Großeltern, der Freunde, der Gesellschaft: Ein junges Paar – was sollten sie auch sonst tun mit ihrer Zukunft? „Alle wollten, dass sie Kinder will. Aber niemand hatte sie darauf vorbereitet, keine Kinder bekommen zu können.“
Was passiert mit ihrer Beziehung, wenn sie sich von ihrem Kinderwunsch verabschiedet?
Mich hat dieses Buch von der ersten Seite an so gefesselt, dass ich es in einem Rutsch gelesen habe – hier stimmt also, was der Umschlag verspricht: „Anne Sauer lesen ist wie Serie schauen: mitreißend und süchtig machend!“
An dieser Stelle darf ich natürlich nicht zu viel verraten, aber das Ende hat mich echt umgehauen – es lässt einen noch lange, nachdem man das Buch zugeklappt hat, darüber rätseln. Meine Gefühle dazu waren eine Mischung aus leichter Rührung und stiller Freude, so gelungen fand ich es.
Für mich ist „Im Leben nebenan“ definitiv eines DER Bücher für diesen Sommer, für alle – außer vielleicht für diejenigen, die gerade selber an einem unerfüllten Kinderwunsch zu knacken haben, denjenigen würde ich von der Lektüre tatsächlich eher abraten.
Anne Sauer ist eine Autorin, die ich mr auf jeden Fall merken werde – meine Bitte an sie wäre, dass sie bald wieder einen Roman schreibt. Auf etwas Neues von ihr freue ich mich schon jetzt!
„Du hast dein eigenes Urteil gesprochen, und nun sollst du es erleiden, sprach der König. Und damit wurde die böse alte Königin zwischen zwölf ungezähmten Pferden festgebunden und von diesen in Stücke gerissen.“
Wenn man in der Kurzbeschreibung von Anne Holts neuestem Roman liest, dass einer der wenigen Menschen, der ihrer Ex-Kommissarin Hanne Wilhelmsen nahesteht, brutal ermordet wird, läuten natürlich alle Alarmglocken. Ich bin mir sicher, dass ich hier nicht zu viel verrate, denn einem echten und langjährigen Fan ist sofort klar: Es kann nur Henrik Holme sein.
Und wirklich, der junge, einsame und sehr schüchterne Henrik, der immer so unbeholfen wirkte und Hanne und ihre Familie so liebte und schätzte, wird gleich auf den ersten Seiten in einem Müllcontainer gefunden, brutal ermordet. Das ist natürlich ein echter Schock – und ich nehme es Anne Holt schon sehr übel, dass sie jetzt mit Henrik bereits einen zweiten, über die Jahre liebgewonnenen Charakter sterben lässt; manch einer erinnert sich vielleicht, dass auch Billy T., Hannes engster Kollege und einziger Freund aus alten Zeiten, in „Ein kalter Fall“ ums Leben gekommen ist.
Hanne musste ja mehr als genug Energie verbrauchen, um ihn in ihrer Erinnerung möglichst weit nach hinten zu schieben. Umso schöner, dass er jetzt nicht nur einmal kurz erwähnt wird.
Der neue Fall, Hannes zwölfter, spielt im Jahr 2022; gerade eben wurden in Norwegen die Corona-Beschränkungen aufgehoben, sehr zu Hannes Missfallen. Sie war ja schon immer eine menschenscheue, fast möchte ich sagen menschenfeindliche Eigenbrötlerin; nachdem sie vor zwanzig Jahren angeschossen wurde und seitdem im Rollstuhl sitzt, beschränkte sich ihr Radius hauptsächlich auf ihre große Wohnung, und all die Einschränkungen und die Isolation kamen ihr ja sehr gelegen. „Hanne Wilhelmsen hatte niemals in einer besseren Zeit gelebt.“
Jetzt liegt ihre Welt in Scherben, Henriks schrecklicher Tod reißt ihre Familie auseinander, „und zum ersten Mal seit 1999 war sie ganz allein auf der Welt.“
Wenn man mal absieht von dem packenden und wirklich perfiden Fall, dem Henrik auf der Spur war und der ihn das Leben gekostet hat, ist es vor allem Hannes Entwicklung, die uns beim Lesen fesselt.
Ich habe ja in meinen früheren Buchtipps schon öfter erwähnt, dass Hanne es einem wirklich schwer macht, sie zu mögen. Das ist auch dieses Mal nicht leicht, aber man kommt ihr viel näher als in den früheren Fällen.
„Zwölf ungezähmte Pferde“ ist nicht nur ein hochspannender Krimi, der mich echt in Atem gehalten und Nerven gekostet hat – es ist vor allem eine Geschichte über Einsamkeit und ein beängstigendes Geheimnis.
Zum Schluss stellt sich natürlich die Frage: Ist der mitten im Roman versteckte Satz „Hanne Wilhelmsens Ära war zu Ende“ ein Hinweis darauf, dass wir hier den letzten Band mit Hanne in den Händen halten? Ohne Henrik an ihrer Seite wäre das naheliegend – aber vielleicht findet Hanne in der pfiffigen Lektorin Ebba Braut, die wie schon im vorletzten Band auch jetzt wieder eine wichtige Rolle spielt, und dem Neuen bei der Polizei, dem jungen Marius Blaaberg, zwei neue Sidekicks?
Man darf gespannt sein!
„Was weißt du schon von Risiken, denke ich. Du bist immer auf Nummer sicher gegangen. Mister Vorsichtig. Und als es einmal wirklich schiefging, habe ich dich geschützt.“
Die Meinungen zu Lily Kings neuem Roman „Herz König“ sind ja durchaus geteilt, wenn man sich die Rezensionen so anschaut, aber mir hat das Buch wirklich gut gefallen.
Die beiden Studenten Sam und Yash verbindet eine enge Freundschaft, und zunächst ist es einfach, als die etwas jüngere Jordan dazustößt. Doch dann wird es kompliziert, denn Jordan und Sam beginnen eine Beziehung – diese blieb für mich eher unergründlich, denn ganz ehrlich: Sam ist schon sehr speziell –, aber auch zu Yash hat sie eine besondere Verbindung und die beiden fühlen sich mehr und mehr zueinander hingezogen – was ich nachvollziehen konnte, denn Yash fand ich viel liebenswerter als den schrulligen Sam.
Wie es so kommt im Leben: Die eine Beziehung endet, und zwar nicht im Guten, die andere beginnt – was für alle Beteiligten schwer ist, die gemeinsame Freundschaft ist jedenfalls dahin.
All das fand ich sehr gut und realistisch beschrieben, denn eine ähnliche Situation hat ja vermutlich jeder schon mal durchlebt, in welcher Konstellation auch immer.
Der zweite Teil hat es mir schwerer gemacht; um nicht zu viel vom Inhalt zu verraten, muss ich vage bleiben. Wir erfahren, wie die große Liebe zwischen Jordan und Yash zu Ende ging – das „Warum“ von Yashs Seite ist zunächst schwer zu verstehen, Jordans Anteil an der Geschichte geht zu Herzen.
Der dritte Teil, in dem sich die beiden nach vielen – sehr vielen – Jahren wiedersehen, fällt tatsächlich in die Kategorie „Tränenschocker“.
Mich hat aber genau dieser Teil aus persönlichen Gründen sehr tief berührt und daher bekommt „Herz König“ von mir die volle Punktzahl!
„Die Sehnsucht nach einem Kind ist nicht rational. Die kommt von einem Ort in mir, der nicht das Gehirn ist.“
Auf diesen Roman bin ich tatsächlich durch einen Beitrag in den sozialen Medien aufmerksam geworden, und vor allem die Kommentare dazu bzw. zu der Thematik, die zum Teil wirklich unterirdisch waren, haben mich schockiert und neugierig gemacht.
In „Hunger“ lässt Tine Høeg die fünfunddreißigjährige Schriftstellerin Mia (keine Ahnung, wie viel Autofiktion hier dabei ist oder ob überhaupt) neun Monate lang eine Art Tagebuch führen, genau die Zeit, die normalerweise eine Schwangerschaft in etwa dauern würde. Aber bei Mia und ihrem Partner Emil läuft es nicht so, wie sie es gerne hätten; ein Jahr lang haben sie vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen. Da nach diversen Untersuchungen klar ist, dass es auf natürlich Weg wohl nicht klappen wird, unterzieht sich Mia einer Fertilitätsbehandlung mit anschließender künstlicher Befruchtung.
Während die Chronik einer Schwangerschaft vermutlich ein Tagebuch der Freude und des Glücks wäre, lesen wir hier das Tagebuch eines äußerst schmerzhaften Prozesses, sowohl im wahrsten körperlichen Sinne des Wortes wie auch im psychischen. Die medizinischen Behandlungen, die Mia über sich ergehen lässt, „diese grauenerregende und faszinierende Manipulation meines Körpers“ sind eine Tortur, und jeder fehlgeschlagene Versuch bringt sie an die Grenze dessen, was noch auszuhalten ist, jeder negative Schwangerschaftstest lässt den Hass auf ihren „lächerlichen, missglückten, unvollkommenen Körper“ größer werden.
Auch für die Partnerschaft ist der Behandlungsverlauf extrem belastend; die Schwierigkeit, schwanger zu werden, liegt zwar in erster Linie an der schlechten Qualität von Emils Spermien, aber dennoch ist es Mia, die Medikamente schlucken und Hormone spritzen muss und die man in den Bauch sticht, um den Eisprung auszulösen. Sie zerstört ihren eigenen Körper, um neues Leben zu schaffen.
Und auch wenn Emil sagt, dass er sich ein Kind wünscht, so fehlt ihm doch keins. „Das ist ein entscheidender Unterschied zwischen uns bei dem, was wir gerade durchmachen. Er hat schon Kinder. Ich fühle einen Hunger.“
Dieser Hunger nach einer Schwangerschaft, nach einem eigenen Kind wird für Mia zu einer wahren Obsession, immer wieder notiert sie Sätze wie „Ich will schwanger werden oder sterben“ oder „Wenn es nicht gelingt, will ich sterben. Wenn es nicht gelingt, muss ich sterben.“
An anderer Stelle: „Der Hunger nach einem Kind ist sonderbar. Ich habe keine Ahnung, ob mein Leben glücklicher sein wird. Nur sinnvoller.“
„Hunger“ ist aber nicht nur die Geschichte einer alles verzehrenden Sehnsucht, es ist auch die Aufzeichnung der Tatsache, dass – in einem modernen Land wie Dänemark – der Mann, auch wenn er das „Problem“ ist, quasi keine Funktion hat. „Hier in der Klinik wird die Frau hofiert… Emil wird von keinem gesehen.“ Der Roman spielt während der Corona-Zeit, so dass Emil als Angehöriger anfangs nicht mit in die Klinik kommen kann. Er ist aber kein Angehöriger, er ist Patient genau wie Mia, spielt aber im Fertilitätssystem keine Rolle.
„Bereits vor der Empfängnis besteht das System also darauf, die Frau zum Primärelternteil zu machen, hauptverantwortlich für alles, was mit dem Kind zu tun hat.“
„Hunger“ ist nicht nur ein schmerzhafter Text über eine existentielle Lebenskrise, geschrieben aus Unruhe und Sehnsucht, sondern auch die Auseinandersetzung mit einer Gesellschaft, in der (immer noch) das Ideal der Familie hochgehalten wird und ungewollte Kinderlosigkeit mit großer Scham verbunden und immer noch stark tabuisiert ist.
Tine Høeg gibt dem Schmerz eine ganz eigene Sprache, und ihr eigenwilliger Schreibstil – atemlos, ohne Punkt und Komma – hat mich diesen Roman an einem Nachmittag in einem Rutsch lesen lassen.
(Zum besseren Leseverständnis habe ich in meinen Zitaten Punkt und Komma gesetzt – hierfür möchte ich mich bei der Autorin entschuldigen.)
„Hunger“ ist keine ganz einfache Kost, aber absolut lesenswert!